Alljährlich holt der in Reuden ansässige Verein Hilfe für Tschernobylkinder in Brjansk Mädchen und Jungen aus der atomar verseuchten Region zum Erholungsaufenthalt nach Deutschland. 2015 sollen vier Gruppen hergeholt werden - die erste ist nun eingetroffen.

Zerbst l Eine lange Busfahrt liegt hinter der siebenköpfigen Gruppe, die nach ihrer 24-stündigen Tour am Pfingstmontag in Reuden eintrifft. Dort hat der Verein Hilfe für Tschernobylkinder in Brjansk das alte Forsthaus dank vieler Sachspenden und aktiver Mithilfe zu einer gemütlichen Unterkunft umgebaut. "Alljährlich versuchen wir, Mädchen und Jungen aus sozialschwachen und kinderreichen Familien herzuholen", erklärt Dr. Ljuba Schmidt. In Deutschland sollen sie sich erholen. Denn ihre russische Heimat ist nach wie vor geprägt von den Folgen des schweren Reaktorunglücks von Tschernobyl 1986. "Die Luft ist dort schwer und schmutzig", beschreibt die Vereinsvorsitzende die Situation in der 400 000-Einwohner-Stadt südwestlich von Moskau. Hier hingegen können die jungen Gäste entspannt durchatmen, vom gewohnten Alltag abschalten und neue Erfahrungen sammeln.

"Ich bin gespannt auf die fremde Kultur und das andersartige Leben", sagt Gerasim. Wie die anderen vier Mädchen und Jungen im Alter von neun bis zwölf Jahren ist er zum ersten Mal in der Bundesrepublik. "Alle möchten hierher", weiß Valentina Izkowa.

"Sie ist unsere ständige Organisatorin vor Ort", stellt Ljuba Schmidt die blonde Frau vor, die den Verein in Brjansk vertritt. Sie hat auch diesmal die Kinder mit ausgewählt, die nun zwölf Tage fernab von zu Hause verbringen. Begleitet werden die Fünf von Ina Radkina. "Sie unterrichtet als Tanzlehrerin an ihrer Schule", erläutert Valentina Izkowa, die zugleich als Dolmetscherin agiert.

Ein vielfältiges Programm liegt vor der Gruppe, die erwartungsvoll alles um sich herum aufzusaugen scheint. Das Pfingstgelage in Grimme wollen sie besuchen und sich einen Bauernhof in Polenzko anschauen, sagt Ljuba Schmidt. "Und wir können das Zerbster Erlebnisbad kostenlos nutzen", freut sie sich. Schließlich ist der gemeinnützige Verein bei all seinen Projekten auf Unterstützung angewiesen, auf die er glücklicherweise immer wieder setzen kann.

Das trifft ebenfalls auf den Rundgang durch die Rolandstadt zu. Gästeführerin Heli Pannicke nimmt die Brjansker zum Auftakt ihres Aufenthalts mit auf eine aufschlussreiche Tour durch Zerbst, das durch seine Prinzessin Sophie Auguste Friederike eine unmittelbare Verbindung nach Russland vorweisen kann, schrieb die Fürstentochter doch als Zarin Weltgeschichte. So beginnt die Stadtführung am Dienstag in der Sammlung "Katharina II." Interessiert schauen sich Gerasim und die anderen die Gemälde und Büsten an, lassen sich vor dem Reiterbild fotografieren und machen Bilder vom Essservice oder den ausgestellten Münzen. "Ich habe vorher nicht viel über Katharina die Große gewusst", gesteht der Elfjährige, bevor es weiter in den erhaltenen Ostflügel des Schlosses geht. Auch die Bartholomäi-Kirche und der Rosenwinkel gehören zur Besichtigungsrunde, die auf dem Markt endet.

"Ich bin froh, dass es solche Leute gibt", blickt Ljuba Schmidt lächelnd zu Heli Pannicke hinüber. "Das bereichert das Kulturprogramm für unsere Besucher aus Brjansk." Diese bringen sich ebenfalls während ihrer Zeit in Deutschland tatkräftig auf dem Kinderbauernhof in Reuden ein. "Sie werden Beete herrichten, Blumen pflanzen und Kartoffeln setzen", berichtet die Vereinsvorsitzende. Und das bedarf keiner besonderen Aufforderung, sondern scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. So haben sie gleich nach ihrer Ankunft Hand angelegt. "Dabei sollten sie sich eigentlich erst einmal von der Fahrt ausruhen", schildert Ljuba Schmidt den sofortigen Einsatz. Zugleich erzählt sie von den Plänen des Vereins, in diesem Jahr noch drei weitere Gruppen herzuholen.

Unter www.waisenkinder-brjansk.de präsentiert sich der Verein im Internet.