Zerbst ( gbl ). Zu einem 100. Geburtstag zu gratulieren, ist auch für Helmut Behrendt eine nicht alltägliche Amtshandlung. Der Zerbster Bürgermeister wünschte gestern Hilda Schmidt, geborene Wilhelm, alles Gute und weiterhin einen geruhsamen Lebensabend. Ihm schloss sich auch Dieter Reineck, Dezernent in der Landkreisverwaltung, an, der im Namen des Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer ein Schreiben überreichte und herzlichste Glückwünsche von Landrat Uwe Schulze überbrachte.

In Töppel geboren, stand für Hilda Schmidt im Elternhaus die Landwirtschaft im Vordergrund. Doch nach der Schulzeit arbeitete sie zunächst als Haushaltshilfe. Im Zerbster Textilhaus Heinrich stand sie in Lohn und Brot und sorgte als " Mädchen für alles " mit für ein florierendes Geschäft. Neben der Hilfe in der Familie stand sie auch hinter dem Ladentisch. " Ich verstehe die heutige Zeit nicht, begreife nicht, dass die Menschen so viele Schulden machen können ", meint die agile Frau und vergleicht das Geschäftsgebaren früher und heute.

Ihren späteren Mann Paul lernte sie auf der Tanzfläche in der Gaststätte am Zerbster Markt kennen. War er doch im " Club der Harmlosen ", deren Mitglieder den wenig bemittelten Bürgern durch billigen Eintritt musikalische Unterhaltung boten. Mit der Heirat folgte der Umzug nach Zerbst. Zwei Töchter erblickten das Licht der Welt, denen ihre ganze Fürsorge galt.

Am 16. April 1945 wurde die Familie ausgebombt. Der Familienvater baute das Haus in der Priegnitz eigenhändig wieder auf. Während er als Maurer unter anderem beim Bautrupp Natho tätig war, arbeitete Hilda Schmidt viele Jahre in der LPG im Ankuhner Gemüsebau auf dem Acker, baute aber auch auf der eigenen Scholle einiges an.

Durch städtische Baumaßnahmen stand in den 80 er Jahren der Abriss des Wohnhauses an. Die Familie zog an den Wegeberg um. Hier wollte die Jubilarin ihren Lebensabend verbringen. Doch erst in den letzten Wochen musste sie noch einmal die Koffer, Hab und Gut packen. Der Wohnblock steht im Zuge des " Städteumbaus Ost " zum Abriss und musste geräumt werden. Die ganze Verwandtschaft samt der Kinder, fünf Enkel, sechs Urenkel und deren Angehörige halfen beim Umzug ins Hochhaus gegenüber des Kauflandcenters. " Nun soll sie hier zur Ruhe kommen und unsere Hilfe annehmen ", meinte Tochter Edith Saar. Die Mutti möchte noch möglichst alles allein machen und so wenig Unterstützung wie möglich annehmen. Doch das hohe Alter verlangt zunehmend hilfreiche Hände.

Zeitunglesen und Fernsehen stehen auf Hilda Schmidts Beliebtheitsskala heute ganz oben. Dabei ist es ihr wichtig, zu erfahren, was in der Welt passiert und sie verfolgt noch so manch Fußballspiel auf der Mattscheibe.

In das Sporthotel Wallwitz kam gestern die Verwandtschaft, um das Jubiläum gebührend zu feiern.