Die 6. Strafkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau hat jetzt einen 34 Jahre alten Zerbster vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen. Im Ergebnis der mehrtägigen Beweisaufnahme sei es nicht zu widerlegen gewesen, dass der Mann am 1. April vorigen Jahres in einem Notwehr-Exzess ein Dutzend Mal auf einen ihn angreifenden 31-Jährigen einstach, hielt der Vorsitzende Richter, Manfred Steinhoff, zur Begründung der Entscheidung fest.

Zerbst / Dessau. Mochten die abschließenden Stiche mit einem Küchenmesser rechtswidrig gewesen sein, schuldhaft seien sie nicht versetzt worden, fügte der Vorsitzende Richter Steinhoff hinzu. Darüber hinaus ließ er keinen Zweifel an der Ansicht der Kammer aufkommen, dass der Neffe des Getöteten den 34-Jährigen " aus überwiegend familiären Gründen " vorsätzlich falsch belastete. Die Notwehrlage bezeichnete Steinhoff hingegen als " lupenrein ".

Der Angeklagte sei in seiner eigenen Wohnung in der Zerbster Bäckerstraße 1 im Zuge von alkoholbedingt eskalierenden Kickbox-Einlagen selbst zum Opfer eines rechtswidrigen Angriffs geworden. Dass er dem ihn mit Faustschlägen und Tritten Malträtierenden bei dessen Abgang Konsequenzen ankündigte, sei " völlig legitim " gewesen und keineswegs als Provokation zu werten. In der Folge sei der später seinen Verletzungen erlegene Mann erneut die Treppe empor gestürmt, um mit Wucht die Wohnungstür im vierten Obergeschoss aus der Zarge zu treten.

An die Adresse des Anwalts gerichtet, der die Halbschwester des Toten vertrat, meinte der Vorsitzende, der Appell an ein moralisches Handeln hätte in dem Geschehensablauf viel früher formuliert werden müssen. Was sich der Halbbruder erlaubte, sei nicht nur als " ziemlich verwerflich ", sondern als " widerlich und gefährlich " einzustufen. Als dann wegen eines bloßen Zurufs die Tür mit Wucht aus den Angeln flog, habe der gelernte Industriemechaniker aus Angst, Furcht und Schrecken das Gebot der Notwehr überschritten.

Die Entscheidung der Kammer – Oberstaatsanwältin Susanne Helbig, die verminderte Schuldfähigkeit einkalkulierend, hatte dreieinhalb Jahre Haft, ein Nebenklagevertreter eine Verurteilung nicht unter fünf Jahren gefordert – rief mithin keine tumultartigen Szenen hervor. Dennoch war noch im Gerichtssaal die Drohung zu vernehmen, der Freigesprochene solle sich hüten, auf die Straße zu gehen. Er werde die gebührende Abreibung schon erhalten. Steinhoff war den Unmutsäußerungen aus den Zuschauerreihen mit den Sätzen begegnet : " Wir sind verpflichtet, von dem auszugehen, was man beweisen kann. Wir machen das Recht nicht, wir wenden es an. "

Das Urteil, mit welchem dem Zerbster eine Entschädigung wegen der verbüßten Untersuchungshaft zugebilligt wurde, ist noch nicht rechtskräftig. Dass die Anklagebehörde in Revision geht, gilt als sicher.