Ganz Zerbst rätselt, und viele Einwohner haben sich am Dienstag verschlafen die Augen gerieben. Warum ? Mitten an der befahrendsten Hauptstraße der Stadt steht eine 2, 90 Meter hohe Schnee-Skulptur und streckt den Vorbeikommenden die Zunge entgegen. Über Nacht entstand das eiskalte Kunstwerk. Doch wer steckt dahinter ? Die Volksstimme spürte die Erbauer auf.

Zerbst. Montagabend gegen 22 Uhr. Während sich in den meisten Wohnungen in der Fuhrstraße die Familien auf die Nacht vorbereiten, sich ins warme Bett verkriechen und das Licht ausschalten, wuselt einer noch umtriebig umher. Es kribbelt in den Fingern, die Hände bewegen sich unruhig hin und her und im Kopf geistern tausend Gedanken. Draußen in der frostigen Nacht liegt der Schnee griffbereit, leicht feucht und richtig backig. Das genau ist der richtige Zustand für die nächste Skulptur, denkt sich Waldemar Friesen.

Der 28-Jährige war gerade erst mit seinem Bekannten Hannes Krüger vom Angeln zurückgekommen. Müde ist er nicht, früh aufstehen muss er auch nicht. Darum ist es jetzt an der Zeit, nach unten zu gehen und den Zerbstern ein neues Denkmal zu schaffen. " Ich wollte erst ein Tier bauen und habe an einen riesigen Elefanten oder einen Gorilla gedacht ", erzählt " Waldi ", wie ihn seine Freunde nennen. Nur, Elefanten und Gorillas haben irgendwie nichts mit der historischen Stadt Zerbst zu tun, doch lassen sie sich aus Sicht des Künstlers toll modellieren.

Arme könnten vom Primaten abfallen

Darum fängt er an, den ersten Schnee anzuhäufen. Viel Schnee muss es werden, es soll schließlich ein großes Tier werden. Doch die Idee verwirft der 28-Jährige bald. Die herunterhängenden Arme des Primaten sind einfach zu instabil und würden sicherlich nicht lange am Körper des Tiers halten. Und dem Rüssel des Elefanten könnte es ebenso ergehen.

Auf der Straße wird es ruhiger, kaum ein Auto rollt durch die Nacht. Niemand nimmt Notiz von dem, was dort in der Fuhrstraße entsteht. Lediglich Kumpel Hannes Krü-ger ( 23 ) hat ein komisches Gefühl im Magen. " Ich saß zu Hause und wusste genau : Waldi hat irgendetwas vor ", erinnert sich der Zerbster. Er steigt kurzerhand ins Auto und fährt los.

Er sollte recht behalten. Nun sind sie zu zweit. Während Hannes Krüger den nassen Schnee aufrollt und formt, spachtelt der wahre Künstler – Waldemar Friesen – aus dem riesigen Klumpen die ersten Konturen der Fantasiefigur heraus. Erst die lange, krumme Nase, dann das spitze Kinn, dann den markanten Unterkiefer. Sie müssen lachen, sie haben Spaß. Später werden dem Kopf, der rund 2, 90 Meter die Fuhrstraße überblickt, noch die Haarlocken angesetzt.

Nach acht Stunden Nachtschicht sind die beiden zufrieden. Fast jedenfalls. Irgendetwas fehlt da noch, denken sie sich. Nicht, dass der Schnee-Kopf nicht jetzt schon positive Aufmerksamkeit erregt, er soll noch ein wenig provozieren. Kurzerhand wird dem Gesicht noch eine Zunge angesteckt, die wie bei einem kleinen, quengligen Kind nach außen steht. Als die ersten Zerbster sich am Morgen wieder auf den Weg zur Arbeit machen, sind Waldemar und Hannes fertig. Klatschnass sind die Klamotten, eiskalt die Hände.

Am Morgen ist Stadt um Attraktion reicher

Am Morgen ist die Stadt nun um eine weiße Attraktion reicher. " Viele Leute haben mich daraufhin angesprochen ", erzählt Waldemar Friesen der Volksstimme. In der Nachbarschaft ist er mit seiner künstlerischen Begabung kein Unbekannter. Im vorigen Jahr stand ein gleicher Stelle ein überdimensionaler Schneemann, davor baute er ein Pferd – auf dem man reiten konnte im Heimatdorf der Eltern in Bias.

Ursprünglich kommt Waldemar Friesen nicht aus Zerbst, und der Schnee gehört nicht zu den Werkstoffen für seine Arbeit. Geboren und aufgewachsen ist der sympathische Mann in einem kleinen Dorf in Kasachstan. Er und seine Eltern kamen vor Jahren nach Deutschland. Seine Mutter muss dem Jungen das künstlerische Talent mit in die Wiege gelegt haben. " Sie malte sehr gut. Das fand ich immer beeindruckend ", erinnert er sich.

Heute ist Waldemar Friesen, der gelernte Maler, arbeitslos. Doch in ihm steckt ein viel größeres Talent. " Viele haben schon zu mir gesagt, ich sollte das zum Beruf machen. Aber ich weiß nicht wie. "