Karin Blumstengel aus Zerbst hat mit ihrer Bachelor-Arbeit das geschafft, was sich viele Studenten wünschen : Sie hat etwas Bleibendes geschaffen – nämlich einen veröffentlichten Ratgeber über die Gefahr der sexuellen Ausbeutung von Kindern durch Kontaktaufnahme im Internet.

Zerbst. Lange wusste die 25-jährige Karin Blumstengel nicht, welches Thema die Abschlussarbeit ihres Studiums der Medien- und Kulturwissenschaften haben sollte. Aber gut Ding braucht manchmal eben Weile und so brauchte sie zwei Anläufe, bis ein Thema gefunden war, das sie fesselte : " Gefahrenzone World Wide Web : Sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Kontaktaufnahme im Internet ".

" Es gibt richtige Foren, in denen sich die Täter austauschen. "

" Ich hatte zuvor ein Seminar bei Dr. Frauke Mingerzahn belegt, das die sexuelle Ausbeutung von Kindern zum Thema hatte. Es faszinierte mich und sie bot mir ein Bachelor-Thema an : Die Arbeit des Jugendamtes ", erinnert sich die Studentin. Allerdings fand sie das Thema eher langweilig, begann jedoch mit Recherchen und stieß auf den Begriff CD-Rom.

Das war die Initialzündung – die Idee, eine Arbeit über die Gefahr von Kontaktaufnahmen im Internet zu schreiben, war geboren. " Meine Dozentin war anfangs nicht sehr davon überzeugt, aber sie hat mich machen lassen. " Neun Wochen lang durchsuchte Karin Blumstengel die Bibliothek ihrer Universität in Magdeburg, besorgte sich Literatur über Fernleihe und im Internet. " Ich konnte reichlich Quellen zusammentragen, aber die Bibliothek in Magdeburg hatte leider nicht viel zu bieten. "

Dennoch : Entstanden ist ein umfassender Ratgeber, der die Gefahr der sexuellen Ausbeutung von Kindern im Internet durch Kontaktaufnahme von vielen Seiten beleuchtet. " Ich habe der Arbeit eine eigene Definition der sexuellen Ausbeutung zugrunde gelegt ", sagt Blumstengel. Für sie beginne die Ausbeutung bereits bei sexuell orientierter Sprache oder Blicken. Körperkontakt ist damit nicht vonnöten.

" In den Ratgeber brachte ich auch die Vermittlung von Kompetenzen in Sachen Medienerziehung und Sexualkunde. Denn wenn ein Kind weiß, was richtig und was falsch ist, kann es sich eher mitteilen und Taten können eher unterbunden werden. "

Des Weiteren wird das Internet als solches beschrieben, Täter- und Opfertypen benannt und Täter-Strategien aufgezeigt. " Beispielsweise gibt es richtige Täter-Foren, in denen sich die Täter gegenseitig Tipps geben und Material austauschen ", weiß Blumstengel. Auf speziellen Tauschbörsen würden unter anderem Homepages von Kindergärten, Bilder und ähnliches getauscht. " Viele Kinder haben auch eigene Homepages, sind in Chats und Communities vertreten. Auch diese Daten werden dort getauscht. "

Hier werde auch deutlich, weshalb Medienkompetenz für Kinder mit Zugang zum Internet so wichtig ist. Selbstbewusste, aufgeklärte Kinder sind der beste Schutz vor sexueller Ausbeutung, lautet ein Credo ihrer Arbeit.

" In den Ratgeber habe ich zwei Studien einfließen lassen, die belegen, dass Kinder im Internet oft ihre persönlichen Daten weitergeben – von der E-Mail-Adresse bis zur Postanschrift. " Bei ICQ, in Chats oder andere Communities nehmen dann die Täter Kontakt mit den Kindern auf und stellen sich dort mitunter als Kinder oder junge Erwachsene dar. " Sie suchen bei ICQ zum Beispiel nach Kindern in der Nähe und schreiben sie dann an, dass ihr Hund weggelaufen sei und ob sie suchen helfen würden ", beschreibt Karin Blumstengel eine Strategie.

" Mir ist klar, dass dieser Ratgeber das Internet im ersten Moment schlecht darstellt ", sagt Blumstengel. Doch es sei nun mal eine Gefahrenquelle, die Tätern große Möglichkeiten biete. Dennoch, in ihrem Ausblick zählt sie auch die positiven Seiten des World Wide Webs auf, die zur Prävention von sexueller Ausbeutung von Kindern vorhanden sind. " Da gibt es zum Beispiel die Onlineberatung. " Aber auch die Täterforschung könne durch das Internet vorangetrieben werden. " Es ist nicht alles schlecht. "

Karin Blumstengel erhielt für ihre Bachelor-Arbeit die Note 1, 0. Außerdem stellte ihre Dozentin den Kontakt zum Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt her, " die mir ungelesen eine Zusage gaben, dass sie meine Arbeit veröffentlichen wollen ". Exemplare der Broschüre können im Internet für drei Euro bestellt oder in der Universitätsbibliothek Magdeburg ausgeliehen werden.

• Bezogen auf das Jahr 2007 sind deutschlandweit 15 000 Fälle der sexuellen Ausbeutung

bekannt geworden. " Die Dunkelziffer liegt jedoch viel höher. Nimmt man die kleinste Quote, die bei einem aufgeklärten Fall von zehn nicht aufgeklärten ausgeht, sprechen wir von insgesamt 150 000 Fällen ", erklärt Karin Blumstengel. Andere Quoten gehen von einem Verhältnis von bis zu 1 : 50 aus.

• Täterstrategien nach Krämer : Täter geben sich als Kind oder Jugendlicher aus, als verständnisvoller Erwachsener oder wollen über Liebe und Flirten reden.

• Verhaltenstipps fürs Chatten : Der Chatname sollte möglichst neutral sein, das Passwort zum Chatzugang geheim gehalten werden. Persönliche Fotos sollten keinen Platz im Internet einnehmen und Kinder sollten ihren Eltern von merkwürdigen Situationen im Internet erzählen können, ohne Angst vor Internetverbot oder anderen Strafen zu haben.

• 73 Prozent aller Kinder haben im Internet Informationen über ihre Hobbys und andere Tätigkeiten

hinterlegt. Von 50 Prozent wurden eigene Fotos und Filme veröffentlicht. Die eigene E-Mail-Adresse geben 42 Prozent bekannt, 35 Prozent die eigene Nummer vom Instant Messanger.

Quelle : Ratgeber "Gefahrenzone World Wide Web"