Am 16. April gedenken die Zerbster der Zerstörung ihrer Stadt vor 65 Jahren. Am 17. April findet in Walternienburg das 20. Treffen von ehemaligen Soldaten statt, die vor 65 Jahren am Brückenkopf Barby–Walternienburg mit Stoßrichtung Zerbst gekämpft haben. In heftigen und blutigen Gefechten gab es auf deutscher und amerikanischer Seite hohe Verluste. Vor zehn Jahren kamen zum Treffen erstmals deutsche Soldaten der 12. Armee und Veteranen des 329. Regiments der 83. US-Infanteriedivision. Herbert Neumann ( 84 ) erinnert sich an den April 1945.

Zerbst / Walternienburg. " In der folgenden Nacht beschloss ich, unserer alten Kampfstätte nochmals einen Besuch abzustatten, um mich … unter den sicher noch umherliegenden Trümmern mit dem Notwendigsten auszustatten, denn ich muss wohl noch mit einiger Zeit rechnen, bis ich aus dieser Schweinerei wieder heraus bin. Das gelang auch über Erwarten gut … Der Kampfplatz lag noch fast, wie ich ihn verlassen. Gefallene oder Verwundete hatte man offenbar weggebracht. Als erstes schüttete ich mir eine Flasche weißen Bordeaux, die ich in meinem Schützenloch wusste, fast in einem Zug in die ausgedörrte Kehle – am Tage unseres Abzugs aus Zerbst waren noch Marketenderwaren ausgegeben worden. Mit Decke, Zeltbahn, Waschzeug und Esswaren reichlich versehen, liege ich den heutigen Tag über – der dritte ist es nun schon – gut versteckt im Wald. Rings um mich brennt alles … ein hervorragender Platz …" ( Am 20. 4. 1945 gelang dem Btl .-Kommandeur der Durchbruch nach Steckby zum 2. Regiment, H. N. )

" 26. April 1945 ( bereits an der, Ostfront ‘ bei Schlalach, H. N. ) … Schwester-Rgt ., bei Major Busch, stieß ich wieder auf die … deutschen Posten … Die halbe Nacht ging bei der Wiederauferstehungsfeier und dem Bericht beim … General Götz drauf … Ich hatte gehofft, dass es noch einigen anderen von meiner engeren Kampfgruppe gelungen wäre, sich durchzuschlagen, aber ich bin der einzige vom Stab, der noch da ist … Am 21. 4. habe ich mein Bataillon wieder übernommen. Es wurde fast ganz aufgerieben … Inzwischen … erstaunlicherweise … Nachersatz … so dass wir wenigstens zahlenmäßig relativ gut dastehen, wenn der Kampfwert natürlich auch nicht mehr der gleiche ist. Das I. Bataillon ist auch schwerstens mitgenommen … Von meinen Offi zieren ist kein einziger übriggeblieben. Wieder lauter neue Gesichter, fremde Menschen und Namen. "

In diesen Tagen schien ein Gerücht in die Wirklichkeit umzuschlagen : Die Deutsche Wehrmacht kämpft zusammen mit den Anglo-Amerikanern gegen die Sowjets ! Am 23. April 1945 erging ein Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht ( OKW ) an die 2. Armee, die Elbefront zu räumen und gegen die Sowjetarmee im Osten zu kämpfen. Der Btl .-Kommandeur, Hauptmann Rettich, schrieb am 26. April 1945 in sein Tagebuch folgendes : "… Nun geht es also wieder gegen den Iwan. In einem Fußmarsch von einem Tag von der, West- zur Ostfront ‘! Wer hätte daran einmal gedacht ?"

Er zog mit seinem neuen Bataillon am 24. April 1945 von Dobritz über Hundeluft, Köselitz, Cobbelsdorf nach Straach, wo abends und nachts schwere Kämpfe tobten. Aber am 25. April ging es im Eilmarsch über Köselitz, Göritz nach Borne und am 26. April früh über Belzig und Preussnitz zum Angriff auf Linthe und Schlalach, um am 27. April mittags Beelitz anzugreifen. Im Tagebuch ist unter dem 30. April vermerkt : "… Unsere Leute, der Nachersatz von Walternienburg, waren zum größten Teil eben ganz junge, kaum aus dem Arbeitsdienst übernommene Burschen, und für solche Großkämpfe natürlich noch zu unerfahren … Ich ( wohl das Bataillon, H. N. ) hatte ziemliche Verluste … Es wurde mit größter Erbitterung gekämpft, Gefangene keine gemacht. Ich bin mir im Klaren darüber, dass diese uns nur untragbar belasten würden und in vielleicht schon kurzer Zeit unseren sich aufl ösenden Verbänden in den Rücken fallen würden. "

Aus dem Tagebuch geht nicht hervor, was mit den gegnerischen Soldaten – selbst wenn sie sich ergaben – geschah. Wurden sie alle erschossen ? Das wäre ein Verbrechen ohnegleichen !

Eine letzte Notiz aus dem Tagebuch möge mein Exzerpt beschließen. Am 30. April 1945 kamen dem Herrn Hauptmann plötzlich Bedenken, indem er schrieb : "… Ein Jammer um solche Jugend und ein Verbrechen, sie noch in diese vernichtende Hölle hineinzuwerfen …" Da erhebt sich die Frage, wie viele junge Menschen hat das Bataillon unter seiner Führung verloren ? ( wird fortgesetzt )