Die neunten Klassen des Gymnasiums Francisceum Zerbst durften für neun Tage Arbeitsluft schnuppern. Wie in jedem Jahr absolvierten sie ein Praktikum bei einem Betrieb ihrer Wahl. Mit freudigen Erwartungen nahmen die Schüler am 24. Januar ihre Praktika in Angriff.

Zerbst. Die Vielfalt der Berufswünsche war immens, von A wie Anwalt, über K wie Konditor, bis hin zu Z wie Zeitungsredakteur war alles vertreten. Wir, Susanne Rübner und Nicole Zilski, tauchten in das Zeitungsleben bei der Zerbster Volksstimme ein. Dort erfuhren wir, wie eine Zeitung aufgebaut ist, was einen guten Artikel ausmacht und dass viele Menschen fotoscheu sind. Unsere Hauptaufgabe bestand darin, einen Artikel zu schreiben. Das Wichtigste dabei ist es, ein gutes Thema zu finden, was oft nicht leicht ist. Wir suchten unsere Mitschüler auf und trafen sie an ihren Arbeitsplätzen. Dort schilderten sie uns ihre Aufgaben und erzählten stolz von ihren Erlebnissen beim Praktikum.

Den ersten Einblick gab Sophie Ernst aus Zerbst. Sie hatte sich für ein Praktikum bei Apollo Optik entschieden, da sie selbst eine Lesebrille trägt und erfahren wollte, was die Aufgaben eines Optikers sind. "Ein Optiker muss vieles können", berichtete Sophie. "Er muss nett zu den Kunden sein, braucht aber auch ein gewisses Maß an Konzentration und Fingerspitzengefühl." Sophie ist bei ihrem Praktikum nur in der Werkstatt tätig, denn wie uns die Filialleiterin Tina Mücke erklärte, ist Kundenarbeit gerade in diesem Bereich nicht leicht. Es dauert mindestens ein halbes Jahr Ausbildung, bis sie die Azubis auf die Kunden "loslässt". Trotzdem könne sie sich vorstellen, dass Sophie durch ihre aufgeschlossene Art eine gute Kundenberaterin wäre.

Viel Geduld benötigten Luisa Heuschkel und Anna Stein, denn sie waren neun Tage in der "Grundschule an der Stadtmauer" als Praktikantinnen tätig. Es wunderte uns, dass wir die beiden in der Schule wiederfanden. Als wir ihnen das sagten, mussten sie lachen "Nun ja", klärte uns Anna auf, "wir wollten etwas mit kleinen Kindern machen. Deshalb entschieden wir uns für die ¿Grundschule an der Stadtmauer‘. Wir selbst gingen von der 1. bis zur 4. Klasse auf diese Schule." Luisa erzählte, dass gerade die kleinen Schüler richtig niedlich wären: "Immer, wenn wir in den Raum kommen, werden wir von ganz vielen umarmt. Letztens haben sie uns sogar Bilder gemalt. Helfen wir ihnen im Unterricht, freuen sie sich riesig."

Nicht weit von uns entfernt lernten Ulrike Schirmer und Martin Robert Demski im Amtsgericht den Beruf des Rechtspflegers näher kennen. Ihre Aufgaben bestanden darin, Akten herauszusuchen, diese zu kopieren oder an Verhandlungen als Zuschauer teilzunehmen. Dabei entdeckten sie die Vielfältigkeit des Berufs. Vor allem aber gefiel ihnen die Atmosphäre zwischen den Mitarbeitern. Uns interessierten die Voraussetzungen, die man für diesen Beruf benötigt. Petra Freist, die für die beiden zuständig war, erklärte: "Für Leute, die sich in der Natur aufhalten wollen, ist dieser Beruf nicht geeignet. Es wird viel im Büro und am Computer gearbeitet, daher sollte man gewisse Vorkenntnisse besitzen. Außerdem ist es wichtig, dass man gut mit Menschen und ihren Problemen umgehen kann." Ulrike möchte später einen Beruf in der Verwaltung erlernen, Martin schließt sogar ein Jura-Studium nicht aus.

<6>Mit der Zeit mit dem Geschäft vertraut

<7>Noch am selben Tag besuchten wir Erik Borutzki aus Buhlendorf. Büroarbeit war für ihn nichts, er wollte sich lieber bewegen. Daher entschied er sich für ein Praktikum bei Kaufland. Seine Hauptaufgabe bestand darin, die neue Ware in die Regale zu sortieren. Der Kundenkontakt fiel ihm zu Beginn schwer, doch mit der Zeit wurde er mit dem Geschäft vertraut und konnte so den Kunden helfen. "Nichts ist besser, als ein glücklicher Kunde", freute sich Erik. Trotzdem kann er sich momentan nicht vorstellen, diesen Beruf später auszuüben.

<8>Auch in der Wema war großer Betrieb. Gleich fünf Schüler interessierten sich für die Werkzeugmaschinenfabrik in Zerbst. Wir hatten das Glück, drei von ihnen, Henning Schmidt, Sebastian Simon und Fabian Schmidt, interviewen zu dürfen. Gerne arbeiteten sie an den Werkbänken, sägten oder bohrten, um zum Schluss eine Abziehvorrichtung herzustellen. Neben handwerklichem Geschick benötigten sie auch Mathe-Kenntnisse. Besonders gefiel ihnen das Arbeiten mit den Maschinen und das gute Arbeitsklima. Jedoch waren sie der Meinung, dass mit Musik alles noch schneller gehen würde.

Leider passierte ihnen auch schon einmal eine Panne, zum Beispiel bohrten sie vier Stunden auf der falschen Seite eines Metallteils. Trotzdem hatten sie Spaß. Holger Bustro, der Praktikumsleiter, fand die Jungs gut und würde sie auch später für eine Lehre nehmen. Das Wichtigste seiner Meinung nach sei das Interesse an dem Beruf, zudem sollte man gute Noten in den Naturwissenschaften haben.

Merkwürdigerweise sahen wir keine Frauen am Arbeitsplatz. Dies liege jedoch nicht daran, dass der Beruf nicht für Frauen geeignet sei, sondern daran, dass sich keine Frauen bewerben, so Herr Bustro. Er hätte kein Problem damit, eine Frau einzustellen, wenn sie die benötigten Fähigkeiten besäße.

Besondere Praktikums-Erlebnisse konnte uns auch Heleen Sillekens aus Strinum mitteilen. Sie hatte sich in der Backstube der Schlosskonditorei in Zerbst beworben. Dort durfte sie Bananenschiffe und Torfsteine backen. Doch der Beruf eines Konditors besteht nicht nur aus Backen. Er muss Kreativität und handwerkliches Geschick besitzen. Dies braucht er zum Modellieren von Backwaren oder zum Herstellen von beispielsweise Hochzeitstorten.

Realität entspricht nicht dem Fernsehen

Heleen gefiel die Arbeit, was wohl daran lag, dass sie über die nötigen Voraussetzungen wie Teamfähigkeit, Offenheit und Verlässlichkeit verfügte. Zudem sollte man flexibel sein und gut zuhören können, meinte Silke Hoffmann, die sich um die Praktikanten kümmert. "Viele unterschätzen den Beruf des Konditors. Sie denken, man hat keine Aufstiegschancen, aber das ist falsch. Wer sich bemüht und ein gewisses Potenzial mitbringt, kann nach seiner Lehre auch auf einem Schiff oder im Hotel arbeiten und dabei gutes Geld verdienen."

Nur eine Etage unter uns arbeitete Praktikantin Saskia Peske bei der Anwaltskanzlei "Jahnke & Handrich". Zu ihren täglichen Aufgaben gehörte neben Post holen und Akten sortieren auch das Beiwohnen an Verhandlungen. Diese verlaufen jedoch ganz anders, als im Fernsehen: "Ich war ganz überrascht. Das war meine erste Verhandlung und ich war gespannt auf die Leute, die wie wild im Gerichtsaal herumschreien würden." Doch in Wahrheit verläuft der Prozess ganz ruhig. Wer zu laut wird oder den Richter beleidigt, muss den Saal verlassen. Die Realität entspricht also nicht dem Fernsehen. Später kam noch einmal Spannung auf, als der Richter das Urteil verkündete. "Am Gericht kann man immer mit kleinen Überraschungen rechnen", meinte Saskia. Eine Überraschung war, dass sie Ulrike Schirmer und Martin Robert Demski, die ebenfalls bei der Verhandlung anwesend waren, traf.

Das Praktikum hat allen etwas gebracht. Viele wissen nun, ob sie den gewählten Beruf später einmal ausüben wollen oder nicht. Wir finden es toll, dass unsere Schule den Schülern so etwas ermöglicht. Auch uns hat das Praktikum bei der Volksstimme Zerbst viel gebracht.