Es gibt unzählige Juwelen, die in Zerbst zu finden sind. Kleine verschlafene Ecken, große beeindruckende Bauwerke, Spuren historischer Persönlichkeiten, die mitunter erst auf den zweiten Blick zu sehen sind. Und es gibt engagierte Stadtführerinnen, die diese Juwelen interessierten Besuchern aus nah und fern zeigen. Auch sie sind Zerbster Juwelen.

Zerbst. Sie war einst die größte Hallenkirche Anhalts und ist die älteste Kirche von Zerbst – St. Nicolai. Und: Sie ist einer der Lieblingsorte von Stadtführerin Dagmar Richter.

Die imposante Ruine, die noch heute die einstige Macht und Größe der Stadt repräsentiert, hat ihr Herz bereits vor Jahren erobert. Aber vor allem eine Erfahrung lässt die 72-Jährige noch immer schwärmen: "Als vor einigen Jahren der Glockenstuhl saniert wurde, konnte ich die größte Glocke Anhalts, die Gloriosa, berühren. Ein einmaliges Erlebnis. Wie viele die Glocke bereits gehört haben, wie oft sie für Glück und Leid ertönte."

Doch nicht nur die baulichen Aspekte der Kirche faszinieren die Zerbsterin. Es ist auch die Verbindung von Nicolaikirche und Reformation, die Dagmar Richter nicht mehr loslässt. Seit 15 Jahren ist sie bereits Stadtführerin in Zerbst. Doch schon viel früher erwachte ihre Vorliebe für die Geschichte. Vor allem die Historie Anhalts und damit unzertrennlich verbunden die Reformation sind nun ihre Steckenpferde.

"Man muss sich die Bedeutung der Reformation für die Stadt einmal vorstellen. Sie hat das ganze Leben hier verändert." Die durch Melanchthon initiierte Spaltung der evangelischen Christen in Lutherische und Reformierte, hatte für Zerbst und die Nicolaikirche gravierende Folgen. Für ein Jahrhundert wurde Zerbst einschließlich des Fürstenhauses und der Nicolaigemeinde zum Zentrum des reformierten Glaubens. "Es entstand eine Universität für reformierte Studenten, die aus ganz Europa anreisten, und in dieser Kirche fanden die Amtseinführungen reformierter Geistlicher statt."

Die permanenten Konflikte zwischen beiden Glaubensrichtungen konnten erst im 19. Jahrhundert beigelegt werden und endeten in dem einzigen anhaltischen Denkmal für die Vereinigung beider evangelischer Kirchen, dem "Unionsdenkmal", das in der Nicolaikirche steht. "Ich habe mir dieses Denkmal als speziellen Ort ausgesucht, um den Menschen zu zeigen, dass sie sich in dieser Kirche auch in der letzten Ecke umsehen sollten", betont Richter. "Wir stehen hier vor einem der wichtigsten Abschnitte anhaltischer Geschichte."

Doch auch das Francisceum, ebenfalls Bestandteil der Reformationsgeschichte von Zerbst und die Trinitatiskirche sind Orte für Dagmar Richter, die sie begeistern. "Eigentlich könnte man einen eigenen Stadtrundgang nur zum Thema ,Fortschritte in der Bildung durch die Reformation‘ machen." Gerne nimmt sie diesen Weg auch mit ihren Reisegruppen, die sie regelmäßig vom Francisceum über die Trinitatiskirche zur Nicolaikirche führt. "Oftmals gehen die Besucher beim ersten Blick auf Trinitatis von einem Spielhaus aus", schildert sie ihre Erfahrungen.

Doch vielmehr ist diese Kirche ebenfalls ein Ergebnis der Reformation. Denn vor der Union gab es mit der beiderseitigen Nutzung von St. Nicolai große Konflikte beider evangelischer Glaubensgemeinschaften. Und so fand man 1679 einen Kompromiss: Die Nicolaikirche ist ausschließlich den Reformierten zugesprochen worden. Dafür mussten diese jedoch 12 000 Taler für den Bau einer lutherischen Kirche beisteuern – der Trinitatiskirche. "Entsprechend groß ist das Staunen der Besucher, wenn sie zwei große evangelische Kirchen so nah beieinander erleben."

Allerdings ist solch ein Rundgang stets mit guter Vorbereitung verbunden. "Ich möchte vorher immer wissen, woher die Gruppe kommt", fügt Richter hinzu. Sie versucht nämlich stets, einen Verbindungspunkt auszumachen. Die nächste Gruppe kommt aus Halle/Saale, so viel weiß sie bereits. "Da fällt mir auf Anhieb noch keine Persönlichkeit ein, aber es wird sich was finden."

Vor allem aber wird Dagmar Richter den Besuchern Zeit lassen, um die Bauwerke auf sich wirken zu lassen. "Es ist doch toll, wie viel der Förderverein zum Beispiel bei der Nicolaikirche schon geschaffen hat. Dieses Kleinod muss erhalten werden und man muss es mit Zeit erkunden."

Die Wahl dieses Lieblingsortes fiel Dagmar Richter anfangs nicht leicht. "Ich hatte auch überlegt, die Stadthalle zu wählen. Es ist ganz einfach so: Je mehr ich über die Geschichte der Stadt erfahren habe, umso interessanter wird es." Und so gehört zu Dagmar Richters Leidenschaft auch das viele Lesen. "Der Stadtführerkurs der Kreisvolkshochschule ist die Grundlage, alles andere habe ich mir selbst angelesen."

Doch nicht nur Touristen kommen in den Genuss dieses Wissens. Dagmar Richter ist unter anderem Mitglied im Heimatverein und fiebert schon auf das Jubiläum "Anhalt 800" hin. "Da werde ich mich aktiv engagieren." In Dessau sei eine Vortragsreihe geplant, bei der auch die Zerbsterin, die gebürtig aus Ostpreußen stammt, sich beteiligen wird.

Doch bis dahin steht sie weiterhin für Stadtführungen zur Verfügung, die bei der Zerbster Tourist-Info unter Telefon (0 39 23) 76 01 78 oder 23 51 gebucht werden können.