Zerbst/Köthen. Die akuten Probleme vieler Grundstücksbesitzer in Anhalt-Bitterfeld mit zu hohem Grundwasserstand veranlassten das Kreistagsmitglied Günter Herder (Linke) jüngst, die Position des Landkreises zu erfragen. Konkret fragte Herder, ob auch der Landkreis wie so viele andere Körperschaften und Institutionen Vernachlässigungen etwaiger Pflichten zugelassen habe. Zugleich wollte Herder wissen, ob der Landkreis bei dem Thema überhaupt zuständig sei. Falls ja, so hätte ihn interessiert, ob der Kreis "Mängel regulieren müsste".

Landrat Uwe Schulze (CDU) erwiderte, dass zuerst jeder bei sich beginnen sollte, zu prüfen und zu überlegen, was er getan oder unterlassen habe. Einen generell Schuldigen könne er nicht nennen. Allerdings werden auf den Landkreis-Liegenschaften seit 2010 Messungen vorgenommen und erfasst.

Auch Kreistagsmitglied Kees de Vries (CDU) meldete sich zu dem Thema. Das Hauptpro-blem, so der Milchproduzent aus Deetz, sei die Aufgabenerfüllung des Landesamtes für Wasserwirtschaft und Hochwasserschutz. Die Unterhaltungsmaßnahmen, gerade in den Unterläufen der Elb-Nebenflüsse, seien völlig unzureichend, so dass Oberflächenwasser schlechter ablaufe als in früheren Jahren. "Vor allem das Land ist im Boot in dieser Frage."

Minister-Gespräch

So sehen das auch die Landwirte der Region. Darum hatte sich der Bauernverband Anhalt um einen Termin bei Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aikens bemüht, der am Montag stattfand. "Es war ein sehr konstruktives Gespräch", erklärte Heinz Vierenklee, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes. Doch konkrete Hilfe wurde aus dem Ministerium noch nicht versprochen. "Zunächst sollen die sieben Arbeitsgruppen im Land ihre Arbeit aufnehmen", so Vierenklee in Bezug auf das Vorgehen des Ministeriums.

Auch in Wittenberg wird es eine solche Arbeitsgruppe geben, in der die regionale Situation in Sachen Grundwasser beleuchtet wird. Die wird am Freitag zum ersten Mal zusammenkommen. Die Kreisbauern wollen heute in ihrer Vorstandssitzung ihre Vertreter benennen.

Derzeit sind etwa zehn Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen vernässt. "Manchen Betrieb trifft es besonders hart mit 60 Prozent nassen Flächen", erklärte Vierenklee gegenüber der Volksstimme. Noch ist der Schaden nicht abzuschätzen. Aber es wird zu Ernteausfällen beim Wintergetreide und -raps kommen, weil die Saat auf den Feldern verfault.

Laut Vierenklee sind die hohen Grundwasserstände in Anhalt-Bitterfeld auf die ehemaligen Tagebaue und die abgeschalteten Trinkwasser-Pumpstationen aus DDR-Zeiten zurückzuführen. Und auch auf das Land Sachsen-Anhalt, das bei der Unterhaltung der Gewässer erster Ordnung wie der Nuthe und den Vorflutern nicht genug für den Abfluss des Wassers leiste. "Das haben wir Minister Aikens vorgetragen und sind auf offene Ohren gestoßen."

Die Verantwortung des Landes, aber auch die eigene, wird in Zerbst hinterfragt.

In Stadtrats-Gremien

Zur Haupt- und Finanzausschusssitzung entspann sich eine spontane Diskussion. Bernd Wesenberg (Grüne) fragte nach, ob der Zerbster Dienstleister – der Unterhaltungsverband – ausreichend tätig sei. Dieselbe Frage habe auch während der Landwirtschaftsausschusssitzung des Kreistages bestanden, warf Werner Bressel (FDP) ein. Worauf Bürgermeister Helmut Behrendt (FDP) erklärte: "Wir sind als Kommune nicht in der Lage, das Grundwasser zu beeinflussen."

Ordnungs- und Baudezernent Andreas Fischer erklärte, der Unterhaltungsverband mache einen "durchweg guten Job". Allerdings geschieht dies im Rahmen der Aufgabenstellung. "Soll er mehr machen, wird das automatisch für uns teurer."

Die Gewässer 1. Ordnung – die Nuthe zwischen Kämeritz und der Elbe zum Beispiel – hätten allerdings eine "teils sehr mangelhafte Unterhaltung erfahren in den vergangenen Jahren". Fischer zufolge sei vielfach dem Naturschutz das Primat eingeräumt worden. Daraus folgt zu geringes Entkrauten und Grabenräumen. "Nun stapeln wir seit Oktober direkt in Zerbst die Sandsäcke und nicht mehr an der Elbe."

Neben Fischer wies vor allem auch der Gehrdener Ortsbürgermeister Bernhard Mücke auf den Zustand vieler Stichgräben hin. Früher hatten die Bürgermeister in den Dörfern jährlich die jeweiligen Bewohner darauf hingewiesen, dass "ihr" Graben freigeschippt werden müsse. Dies unterbleibt seit der Wende. "Und nun sind die vielen kleinen Gräben entweder weg oder verrohrt. Und wir erleben Zustände wie in Schora, wo ein ewig trockener Graben plötzlich das Wasser nicht wegbekommt", so Fischer. Oder die Flächennutzung: "Insbesondere die Versiegelung in den Orten hat in den letzten 20 Jahren die Situation beeinflusst. Ist deshalb die Nuthe verbreitert worden?"