Seit Jahren sind die Archäologen um Dr. Gösta Ditmar-Trauth in Zerbst auf der Suche nach Spuren aus dem Hochmittelalter. Auf der Freifläche an der Jüdenstraße wurden sie nun fündig und konnten damit eine Erkenntnislücke in der Geschichte der Stadt schließen.

Zerbst. Es gibt keine Hausgrundrisse mehr, keine Strukturen jener Bebauung, die im 12. Jahrhundert auf der Freifläche an der heutigen Jüdenstraße stand. Aber die Geschichte hat dennoch Spuren hinterlassen, die es den Archäologen um Dr. Gösta Ditmar-Trauth möglich machen, hier einen Blick in das Zerbst des Hochmittelalters zu werfen – einen seltenen Blick noch dazu.

Nachdem die Grabung auf diesem Areal bereits im Oktober vergangenen Jahres begann und durch den heftigen Winter unterbrochen werden musste, finden in dieser Woche punktuelle Nachuntersuchungen statt. Die förderten beispielsweise die Spuren eines verfüllten Kellers zu Tage, der im 12. Jahrhundert einst zu einem Fachwerkhaus gehörte. Keramikfunde, aber auch Baumaterial aus dieser Zeit, das zur Verfüllung genutzt wurde, lassen die Datierung zu. Wenige Meter weiter fand sich bereits ein weiterer verfüllter Keller. "Das lässt uns mit Gewissheit zu dem Schluss kommen, dass hier damals eine dichtere Bebauung herrschte." Wenige Schritte vom "Keller" entfernt, findet sich im Boden dickwandige Keramik – von einer Schale oder einem Gefäß – Spuren einer vorgeschichtlichen Besiedlung. "Das Interessante ist die Lage der Funde. Sie sind in der Mitte der Siedlung zu finden, nicht nur am Rand."

Mit diesen Erkenntnissen können auch weitere Schlüsse auf das Zusammenwachsen des Nordteils der Stadt um die Nicolaikirche und des Südteils mit der Burg als Zentrum gezogen werden. Im Zuge der Marktumgestaltung konnten die Archäologen den Markt untersuchen. Dort fanden sich Spuren aus dem 15. Jahrhundert, am Rande vereinzelt auch aus dem 14. Jahrhundert – jedoch keine aus dem Hochmittelalter oder älter. "Der Markt muss damals planiert worden sein, er wurde aufgefüllt und alle älteren Spuren beseitigt", lautet damals bereits die Schlussfolgerung. Die neuen Funde lassen die Schlussfolgerung zu, dass das Areal, das unmittelbar an den Markt angrenzt, frühzeitig besiedelt war und somit auch der Markt früher genutzt wurde, als es die dortigen Funde zeitlich belegen.

Doch das Areal in der Jüdenstraße ist im 13. Jahrhundert – einhergehend mit der Spezialisierung der Berufe – plan gemacht worden. Bereits zuvor freigelegte Erdschichten zeigten Spuren von verschiedenen Öfen und mehreren Brunnen. Dokumente bezeugen im 16. Jahrhundert die Ansiedlung des Brauereigewerbes, das mit der Bebauung der Ostseite der Jüdenstraße einherging und den Fundort zum Gewerbehinterhof machte. "Die Brauerei war hier lange Zeit ansässig", erklärt Ditmar-Trauth. 1880 eröffnete beispielsweise das Brauhaus "Zum deutschen Kaiser", das bis zum ersten Weltkrieg existierte.

"Das sind schöne Befunde", fasst der Grabungsleiter zusammen. Und sie passen in das Bild, das frühere Ausgrabungen bereits gebildet haben.