"Du bist spitze!" Acht Kandidaten bewerben sich um den Titel "Lokalmatador 2010". Den Sieger ermitteln einzig die Volksstimme-Leser mit dem Abstimmungs-Coupon. In den nächsten Wochen stellen wir alle Kandidaten mit ganz persönlichen Geschichten vor. Heute: Birgit Brandtscheit aus Zerbst.

Zerbst. "Komm her du Lümmel. Jetzt kitzel ich dich aus!" Birgit Brandtscheit hat wieder einen der vielen Knilche schnell mal gegriffen und sorgt für gute Laune. Wer die Zerbster Tafel besucht, wo nahezu ständig eine Runde aus Muttis, Kindern, Helfern, Besuchern und eben Birgit Brandtscheit beieinander ist, findet sich wieder in großer Herzlichkeit. "Wenn es um Kinder geht, dann mache ich alles. Nicht immer mit Kindern, aber immer für sie. Bin keine Kindergärtnerin, sondern mehr die Organisatorin. Und ich sehe zu, dass sich die Leute benehmen, dass sie fleißig sind und pünktlich."

Birgit Brandtscheit leitet die Zerbster Tafel. Reine Tafel-Arbeit heißt Lebensmittel sammeln, sortieren, verteilen. Die Zerbster Tafel leistet viel mehr. Sie ist "für jeden, der ganz unten ist und da nicht bleiben will, auch eine zweite Chance. Jeder kann sich entwickeln. Ich bin das beste Beispiel." Die resolute 49-jährige Zerbsterin ist längst auch ein Vorbild für die aktuell 176 Tafel-Familien.

In Zerbst geboren, besuchte sie hier die Schule, wurde Chemiefacharbeiterin. "Hat mir gut gefallen, bin es aber nicht geblieben." Mit 18, "selbst noch halb Kind", wurde sie Mutter. Heiratete, hatte keine gute Zeit. Wurde zur Witwe. Zugleich war der Junge von Geburt an gehörgeschädigt, wurde alsbald den speziellen Heimen des DDR-Staates zugeführt. "Das alles war nie leicht, aber ich bin immer optimistisch geblieben." Als Ungelernte ging sie in die Kantine des einstigen "VEB Rationalisierung", der "Kistenbude" an der Jannowitzbrücke. Neben der Kantinenarbeit machte sie ihren Lehrabschluss als Lebensmittel-Fachverkäuferin. Und: In dem Betrieb lernte sie ihren Mann kennen. Die Ehe hält bestens, obwohl sich beider Kinderwunsch nicht mehr erfüllen konnte.

Rein und raus

Mit der Wende die Arbeitslosigkeit. Ende 1991 ergab sich eine Arbeit beim damals beginnenden Zerbster Autokino. Drei Jahre später war das Kino geschlossen, der Job verflogen. "Ich habe dann alles gegriffen, was an Aus- und Weiterbildung zu bekommen war." 1999, nach vielen Fort- und Weiterbildungen, Qualifikationen, kleinen und großen Aus- und Umschulungen begab sie sich wegen eines Suchtproblems in die Betreuung der Zerbster Diakonie. Aus der Selbsthilfegruppe unter Cornelia Pfeffer - "Ihr habe ich sehr viel zu verdanken" - wurde ein Selbstläufer: Gemeinsam mit Bernd Below und Sigrid Herrmann nahm sich Birgit Brandtscheit vor, nicht nur sich selbst zu helfen, sondern die Not der Ärmsten in Zerbst und Umgebung zu lindern. "Niemand darf hungern!"

Am 10. Dezember 2002 teilten sie erstmals gesammelte Lebensmittel an bedürftige Familien aus. "Alle 14 Tage eine Ausgabe. Einsammeln, sortieren, die Leute anrufen und ausgeben. Rein und raus. Kein Lager. Alles auf dem Flur im Hintergebäude vom Arbeitsamt auf dem Markt."

Die Zahl der bedürftigen Familien - 2004 waren es schon 123 - stieg steil an, der Platz im Behelfsquartier wurde knapp. Zeitweise wurden die Rationen im Flur des Pfarrhauses von St. Bartholomäi verteilt. Später dann um die Ecke, im Haus der Diakonie. 2004 begann das Trio, auch in Kaufhallen zu sammeln. "Doch viele gaben uns ihre überlagerten Waren nicht. Wir waren nicht offiziell." Es dauerte gar nicht lange, da hatte Birgit Brandtscheit die Diakonie für das Projekt "Zerbster Tafel" gewonnen. "Wir durften uns aber keine Fehler erlauben und mussten beweisen, dass wir das auch beherrschen."

Immer noch besser

Der Beweis ist längst erbracht. Die Zerbster Tafel liefert mittlerweile sogar ins Umland: "Wo kein Essen ist, ist auch kein Fahrgeld." Ins Gebäude hinter der Villa Musik & Kunst zu ziehen, erwies sich als Glücksgriff. "Wir sind dankbar für diese Räume. Hier haben wir Möglichkeiten. Kinder aus schwierigen Familien staunen, wie man gemeinsam kochen und dann am Tisch sitzen und essen kann und wie gut es tut, dabei alles Mögliche zu bereden. Wenn die Hose ein Loch hat, dann haben wir hier zwei Näherinnen, die das reparieren. Und es gibt Hilfen bei den Hausaufgaben."

Birgit Brandtscheit hat eine Maxime: "Es geht immer noch besser." Wie nebenbei pflegt sie schon seit sieben Jahren zuhause die gelähmte Schwiegermutter und müht sich noch länger um die Selbständigkeit des Sohnes. Was wünscht sie sich? "Dass niemand auf die Tafelfamilien mit dem Finger zeigt. Das tut immer sehr weh."