Von Tobias Dachenhausen

Zerbst. "Das ist alles erstunken und erlogen. Ich gehe bis zum Bundesgerichtshof", redet sich der Angeklagte gleich zu Beginn der Verhandlung am Zerbster Amtsgericht in Rage. Eine 16-Jährige wirft ihm vor, sie sexuell belästigt zu haben. Drei Stunden Prozess, sechs Zeugen und ein Gutachten eines Sachverständigen konnten keine vollständige Klärung herbeiführen. Der Prozess wird am 8. März fortgesetzt unter dem Fokus, ob der Angeklagte überhaupt der Täter war.

Im Januar des vergangenen Jahres soll der Angeklagte in den Abendstunden die Geschädigte beim Vorbeigehen am Arm gepackt und in einen Busch im Zerbster Heidepark gezogen haben. Dort habe er der Geschädigten Hose und Slip heruntergezogen und sich selbst entkleidet. "Er hat sich so auf mich gelegt, dass ich mich nicht wehren konnte. Als ich anfing zu schreien, hielt er mir den Mund zu", erzählt die Geschädigte. Kurz bevor der Angeklagte dann eindringen konnte, gelang es ihr sich zu befreien und wegzulaufen. "Ich habe mich nicht mehr umgedreht und bin nur noch weggerannt", beschreibt die heute 16-Jährige.

Die Aussage der jungen Frau: "Hundertprozentig erkannt habe ich ihn nicht, doch ich bin mir einfach sicher, dass es der Angeklagte war", macht diesen Fall für die Urteilsfindung schwierig.

"Woran machst du das denn fest", wollte Richterin Katrin Benedict wissen. "Seine großen Augen, das buschige Haar und der dunkle Hauttyp waren mir einfach bekannt." Dieses bezog die Geschädigte auf einen Vorfall, der sich im September 2009 ereignete.

Damals saß sie zusammen mit zwei Freunden auf einer Bank im Park. Der Angeklagte kam mit seinem Fahrrad vorbei und unterhielt sich mit den drei Jugendlichen. "Anfangs habe ich mir dabei nichts gedacht, doch später hat er nur noch mich angeschaut und gefragt, ob wir nicht zusammen kochen und einen schönen Abend zusammen verbringen wollen", berichtet die 16-Jährige. Dieses bestätigten die beiden Jungs, die als Zeugen geladen waren. Eine Aussage, die dem Angeklagten nur ein Lachen auf die Lippen zauberte. "Ich habe noch nie eine Frau gefragt, ob sie mit mir kochen will", wehrt sich der Angeklagte, fügt aber an, die Jugendlichen vom sehen her zu kennen. Trotz allen Zweifeln des 46-Jährigen war sich die Geschädigte sicher, dass er der Mann war, der sie im Januar 2010 versucht hat zu vergewaltigen.

Die Aussage deutet nicht auf Fiktion hin

Der Sachverständige Dr. Steffen Dauer wurde vom Gericht beauftragt die Qualität der Aussagen der Geschädigten zu überprüfen. "Sie hat die eigenen Befindlichkeiten nicht übertrieben und auch kein Belastungsstreben gezeigt. Auch die Art und Weise der Aussage deutet nicht auf Fiktion. Die Tat ist wirklich passiert, doch die Identifikation des Täters ist das große Problem", meint auch der Sachverständige. Der Psychologe spricht hier vom möglichen Transparenz- oder Selbstüberzeugungseffekt. "Wenn Geschädigte aus vorherigen Situation etwas übertragen oder sich eben absolut sicher sind, kann das vorkommen. Ich habe es bei ihr nicht gefunden, dennoch kann es vorhanden sein und das sollte das Gericht eben wissen", erklärt Dauer.

Für Richter, Staatsanwalt und Verteidiger stellt sich nun die Frage, ob der Angeklagte der wirkliche Täter ist. Bei der Fortsetzung werden die Plädoyers gehalten und dann muss das Schöffengericht um Richterin Benedict ein Urteil finden.