Es gibt unzählige Juwelen, die in Zerbst zu finden sind. Kleine verschlafene Ecken, große beeindruckende Bauwerke, Spuren historischer Persönlichkeiten, die mitunter erst auf den zweiten Blick zu sehen sind. Und es gibt engagierte Stadtführerinnen, die diese Juwelen interessierten Besuchern aus nah und fern zeigen. Auch sie sind Zerbster Juwelen.

Zerbst. "Wir stehen hier vor der jüngsten Perle der Stadt Zerbst", sagt Heli Talvik und es liegt der pure Stolz in ihrer Stimme. Sie zeigt auf das vor ihr aufragende Katharina-Denkmal, bei dessen festlicher Einweihung sie live dabei war. "Mich hat extra eine Freundin aus Estland aus diesem Anlass besucht", sagt die gebürtige Estin. Bis Mitternacht haben sie dann neben dem Denkmal gewartet, bis ein grandioses Feuerwerk Katharina bombastisch in Zerbst willkommen hieß.

Gäste aus Russland und das Denkmal

"Sie ist mein Vorbild", sagt die 52-Jährige, die seit 2008 in Lübs zu Hause ist. "Ich schaue zu ihr auf", sagt Heli Talvik. Und ein wenig ähneln sich die Geschichten der beiden Frauen auch. Beide müssen neue Sprachen erlernen, um in der neuen Heimat zurecht zu kommen. Beide erforschen die Geschichte des neuen Zuhauses, lernen sie lieben und schätzen. "Täglich lerne ich neue Wörter, versuche mich zu verbessern", fügt die studierte Biologin hinzu, die neben ihrer Muttersprache Estnisch, Deutsch, Russisch und Englisch spricht.

Doch die Liebe zu Katharina entdeckt Heli Talvik vergleichsweise spät. "Ich war früher mehrmals in Moskau und St. Petersburg, habe aber nie eine Verbindung zu Katharina gefunden." Erst als sie der Liebe wegen nach Deutschland, nach Lübs, zog und Katharina in Zerbst für sich entdeckte, kam sie diesem Teil der Zerbster Geschichte näher.

"Sie war eine tolle Frau." Mit diesen wenigen Worten ist dennoch fast alles gesagt. So viel gibt es zu Katharina zu erzählen. Zum Beispiel, dass sie sich als Zarin stark für die Förderung der Bildung eingesetzt hat. Wie sehr sie sich bemüht hat, schnell die russische Sprache zu erlernen und nur wenige Monate nach ihrer Ankunft in Russland ihr Glaubensbekenntnis akzentfrei vortragen konnte. Sie begründet über 300 Volksschulen in Russland, verfasste als anonyme Schriftstellerin Artikel für eine Satire-Zeitschrift. "Außerdem vertrat sie die deutschen Tugenden Disziplin und Ordnung." Ein echtes Vorbild, damals und auch heute.

Dabei verrät Heli Talvik Details über das Leben der Zarin, aber auch der jungen Sophie Auguste Friederike, die 1744 nach Russland zog. "Eigentlich hatte Sophie gar nicht so viel von Zerbst", berichtet sie. Erst im November 1742 trat ihre Familie die Herrschaft über Anhalt an und bezog das Zerbster Schloss. "Aber ich bin mir sicher, dass sie in unserer Reithalle zum Beispiel geritten ist", sagt die Estin und blickt zu diesem imposanten Gebäude. Sophie, die später mit ihrem Glaubenswechsel zu Katharina wurde, war eine begeisterte Reiterin, hat in Russland sogar richtig trainiert." Auch in der Fürstenloge hat sie wohl gesessen, ist durch den Schloßgarten gewandelt.

"Russische Reisegruppen wollen unbedingt das Denkmal sehen", berichtet sie. Doch das Interesse beschränkt sich nicht nur auf die Statue dieser jungen Frau, die die jugendliche Sophie Auguste Friederike zeigt. "Sie sind zum Beispiel überrascht, wenn ich erzähle, dass Zerbst über 200 Jahre lang eine Universitätsstadt war. Auch die Orte dieses Teils der Geschichte wollen sie dann sehen." Das Denkmal ist sogesehen das Tor, das das Interesse für Zerbst öffnet und neugierig auf mehr macht.

Das Heli Talvik jedoch Stadtführerin geworden ist, war nicht von Anfang an geplant. "Eigentlich belegte ich den Stadtführerkurs, um Gästen aus meiner Heimat die Geschichte dieser Stadt erzählen zu können." Nun erzählt sie nicht nur Freunden, sondern Gästen von nah und fern - in vier verschiedenen Sprachen.

Die Zerbster Tourist-Info bietet verschiedene Streckenführungen mit verschiedenen Schwerpunkten an. Bei Interesse sind nähere Informationen dazu unter Telefon (0 39 23) 76 01 78 oder 23 51 zu erhalten.

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