Zerbst. "Jetzt reicht es mir. Ich habe die Nase voll", kam Ina Ringleb wutentbrannt in die Redaktion und redete sich ihren Frust von der Seele. Am Mittwochabend musste sie ihre Enkeltochter zum Arzt bringen, da sie über einen Pseudokrupp klagte. "Da in Zerbst kein Kinderarzt am Mittwochabend geöffnet hat, mussten wir bis nach Dessau fahren und dort haben wir mehr als drei Stunden gesessen. Eine Ärztin war dort für zwei Kinderstationen und die Notaufnahme zuständig. Das geht doch nicht", regte sich Ringleb auf.

In den Abend- und Nachtstunden sowie an den Wochenenden gibt es den Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte. Im konkreten Fall hatte ein Orthopäde zu diesem Zeitpunkt Bereitschaft. "Nichts gegen dessen fachliche Qualifikation, aber was nutzt uns ein Orthopäde beim Pseudokrupp?", fragte die Zerbsterin. Kinderarzt Andreas Köhler, der einzige Facharzt für Pädiatrie in Zerbst, weiß um das Problem. "Ich verstehe die Sorge vieler Eltern. Aber ich kann nicht rund um die Uhr im Einsatz sein." Etwa einmal im Monat hat Köhler Bereitschaft. Das Rotationsprinzip trifft alle niedergelassenen Ärzte, egal welcher Fachrichtung sie angehören.

"Mit Kindern ist es immer eine kritische Angelegenheit. Ich verstehe, wenn ein Kollege einer anderen Fachrichtung dann auf den Notarzt oder die Klinik in Dessau verweist", so Köhler. Er selbst rufe auch den Notarzt, wenn er merkt, dass er zum Beispiel bei einer Herz-Kreislauferkrankung nicht rechtzeitig vor Ort wäre. "An Sonntagsdiensten ist es keine Seltenheit, 20 Hausbesuche im Altkreis zu absolvieren. Ich bin schon 300 Kilometer an einem Tag gefahren", so Köhler.

Damit besorgte Eltern bei plötzlichen Erkrankungen ihrer Kinder schnelle Hilfe in der Region erhalten können, gibt es einen so genannten Rufdienst in Dessau. Dort teilen sich die sechs niedergelassenen Kinderärzte rund um die Uhr die Bereitschaft. Hürde für Eltern: Hausbesuche sind nicht eingeschlossen. In Zerbst, Lindau und Roßlau gibt es zusammen drei Kinderärzte. 70 bis 90 Patienten täglich im regulären Praxisablauf sind bei Köhler die Normalität. Eine zusätzliche Rufbereit-schaft ist nicht möglich. Neben dem Dessauer Angebot ist die Notaufnahme der Dessauer Klinik ein Anlaufpunkt.

So war es auch für Ina Ringleb und ihre Enkelin. Die lange Wartezeit erklärt Köhler mit der aktuellen Erkältungswelle. "Ich hatte jetzt einen kleinen Patienten, der am Sonntag viereinhalb Stunden mit 38,6 Grad Fieber in der Notaufnahme auf einen Arzt warten musste", sagt der Zerbster Kinderarzt.

Die Odyssee der Frau und ihrer Enkelin ging aber weiter. Nachdem sie in der Notaufnahme behandelt worden war, wollte Ina Ringleb die entsprechenden Medikamente besorgen, musste aber feststellen, dass keine Zerbster Apotheke Bereitschaft hatte. "Wir mussten bis nach Loburg fahren und dort hatte man eines der verordneten Medikamente nicht einmal", beschwerte sich Ringleb. An dem Abend hatte die Apotheke "Drei Linden" Bereitschaft. Auch bei den Apotheken gilt das Rotationsprinzip. Sieben Apotheken teilen sich den Notdienst, fünf in Zerbst, eine in Loburg und eine in Lindau.

"Dass ein Medikament fehlt, kommt vor", sagt Waltraud Ponitz von der Loburger Apotheke. "Im konkreten Fall hatten wir in der Klinik bei der behandelnden Ärztin angefragt, wie wichtig das Medikament sei", so die Pharmazie-Ingenieurin. Die Ärztin gab Entwarnung, die Einnahme reiche am folgenden Tag. "Wir können auch in der Nacht in Notfällen fehlende Arzneimittel besorgen. Das ist aber mit hohen Kosten für die Apotheke verbunden", so Ponitz. Bei der kleinen Patientin wurde abgewogen. Die behandelnde Ärztin bot an, dass die Familie ein Muster von der Klinik in Dessau erhalten könne oder sich das Medikament am nächsten Tag in Zerbst besorge.

Kinderarzt Andreas Köhler bereitet sich auf seine Notdienst auch mit dem Blick auf die Not-apotheke vor: "Wenn die Lindauer oder Loburger Dienst haben, hat der Bereitschaftsarzt das Hauptlos gezogen", sagt Köhler mit einer Portion Sarkasmus in der Stimme ob der medizinischen Versorgungsprobleme im ländlichen Raum. "Dann packe ich mir mehr Medikamente in den Koffer, um manchem Patienten die Fahrerei ersparen zu können."