Ausflug in die Geschichte des ehemaligen Ärztehauses Es wäre schön, wenn leblose Dinge sprechen könnten. Das Haus in der Leitzkauer Mühlenstraße hätte sicherlich viel zu erzählen. Über ein halbes Jahrhundert ist die Orginalpostkarte alt. Unsere Leserin Margit Rauhe hat sie der Volksstimme zur Verfügung gestellt.

Leitzkau. Große Robinienbäume säumen den Weg zum Haus in der Mühlenstraße. Doch das ehrwürdige Gebäude sieht jetzt im Jahre 2010 einsam aus. Das Foto von 1959 zeigt das geschichtsträchtige Haus, das um 1900 gebaut worden ist. Der erste Bewohner war ein Dr. Lübke.

Sein Praxisnachfolger wurde Dr. Israel, der sich kurz vor dem zweiten Weltkrieg umbenennen ließ. Niemand sollte daran zweifeln, dass er arischer Abstammung sei, vermuten die älteren Bewohner Leitzkaus

Gerda Hartebrot ist im Besitz eines Zeitungsartikels vom 16. Juli 1935, der im Magdeburger Generalanzeiger veröffentlicht wurde. In ihm geht es darum, dass der vierfache Vater zu einem Gerichtstag im Leitzkauer Schloss unter Anklage stand. Ihm sowie seiner Frau wurde zu Lasten gelegt, seinen Sohn schwer misshandelt zu haben. Der Junge sei von der Großmutter verzogen gewesen und habe allerhand dumme Streiche gemacht. So rechtfertigten die Eltern die Misshandlungen, die beim Jungen zu Nasen- und Ohrenbluten geführt hatten. Auch seine Haushälterin stellte Strafantrag gegen Israel, da er auch sie geschlagen haben soll. Aus dem Artikel geht hervor, dass er für die Misshandlungen des Hausmädchens 50 Mark Strafe zahlen musste. Die Missbrauchsvorwürfe gegen den Jungen wurden mangels Beweisen fallen gelassen.

1953 wurde Israel verhaftet. Aufgrund seiner politischen Denkweise war es zu Konflikten mit der damaligen Führung gekommen. Trotz Drucks von Funktionären wollte der Arzt die "Volksstimme", damals SED-Zeitung für den Bezirk Magdeburg, nicht abonnieren. Seiner Meinung nach war es ein "Käseblatt". Nach seiner Freilassung folgte er seiner Familie in die Bundesrepublik. Das Haus hatte der Staat DDR enteignet.

Der ehemalige Lehrer Taeger setzte sich später dafür ein, es zum Pionierhaus umzugestalten. Die Schüler der Schulklassen, die im Leitzkauer Winkel den Unterricht besucht hatten, machten sich mittags auf den Weg in die Mühlenstraße. Dort war die Schulküche in der ersten Etage des Hauses. Im oberen Stockwerk wurde Werken, auf den Außenanlagen Schulgarten, unterrichtet.

"Gegen einen kleinen Obolus konnten wir während der Sommerferien zu Zeltlagern und allerlei Spielen ins Pionierhaus gehen", erinnert sich Ute Römer. "Oft haben wir gebastelt", erzählt die 61-Jährige. "Fernsehschauen durften wir aber auch." Ihre Schwester Margit weiß noch gut, dass sie dort damals für kurze Zeit in den Hort gegangen war und Hausaufgaben gemacht hatte.

1961 zogen alle Klassen der Leitzkauer Schule ins Schloss. Zuvor lernten nicht alle Klassen unter einem Dach, sondern die Schüler wurden an verschiedenen Standorten unterrichtet.

Das Haus in der Mühlenstraße wurde wieder zum Ärztehaus. Die Leitzkauerin Erika Zippel erzählt, Dr. Mittenzwey, später Dr. Wahl und Dr. Krey hätten im ehemaligen Pionierhaus "Otto Grotewohl" praktiziert. Danach seien Dr. Schneider und nachfolgend Dr. Baumbach eingezogen. Auch der Zahnarzt Dipl. Med. Schulle wurde von seinen Patienten im Ärztehaus besucht. Die zuletzt dort arbeitende Ärztin war Frau Dr. Herzog.

Nach der Wende bekamen die Erben das Haus wieder.

Heute ist der Weg zur Einfahrt mit einem Bauzaun versperrt. Schuttberge und Wildwuchs zeugen von Verlassenheit. Perspektivisch sollen vier Wohnungen entstehen.

 

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