Statt der ersten großen Liebe erlebten zahlreiche junge Männer im April 1945 die Schrecken des Krieges. Zwischen 16 und 18 Jahre alt waren die Soldaten, die am Brückenkopf Barby für ein Deutschland kämpften, das längst dem Untergang geweiht war. Sie gehörten einem der letzten Aufgebote des Heeres an, über das Heinz Ulrich aus Calbe nun ein Buch geschrieben hat: der Infanterie-Division "Scharnhorst".

Walternienburg/Calbe. "Du hast so viel Material. Nun schreib\' doch mal ein Buch." Die Aufforderung hörte Heinz Ulrich öfter bei den Treffen der Kriegsveteranen in Walternienburg, von deren Durchführung er 1998 erfahren hatte. Ein Jahr später nahm der Diplom-Agraringenieur das erste Mal an der Gedenkveranstaltung bei. "Da ist die Geschichte so gewachsen", erklärt der rüstige Rentner, der als Neunjähriger das Ende des Zweiten Weltkrieges in Barby miterlebt hatte. Von da an vertiefte er sich immer mehr in jene Zeit und die Geschehnisse um den Brückenkopf Barby, wobei er reichlich Material zusammentrug.

Durch seinen Kontakt zu einem Historiker der 83. US-Infanterie-Division, die damals die Elbe bei Barby überquerte, erhielt er reichlich Dokumente von amerikanischer Seite. Daneben bekam der 74-Jährige viel Material von Hubert Rose aus Walternienburg, der die alljährlichen Veteranentreffen mit organisiert. Einiges wurde bereits bei den Ausstellungen präsentiert, die sich die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung stets bei der anschließenden Feierstunde im "Volkshaus" ansehen können. Einiges verwendete Heinz Ulrich auch für sein Buch über das Kriegsgeschehen in Barby.

Einen Großteil verarbeitete er nun in seinem neuesten Werk. Illustriert mit Fotos und untermauert mit Erlebnisberichten erzählt der Hobbyhistoriker darin die Geschichte der Infanterie- Division "Scharnhorst", die bislang in Veröffentlichungen zur 12. Armee, der Armee Wenck, nur nebenbei vorkommt. Auf insgesamt 130 Seiten behandelt er die Aufstellung und den Einsatz aller drei Regimenter, einschließlich des Pionier- und Füsilierbataillons gemeinsam mit der ihr zugeordneten Sturmschützbrigarde 1170 an der West- und Ostfront im April/Mai 1945.

Die ab 30. März 1945 aufgestellte Division rekrutierte sich überwiegend aus Offiziers- und Unteroffiziersschulen sowie Ersatzeinheiten. Die jungen Soldaten, die gerade mal zwischen 16 und 18 Jahren alt waren, sollten retten, was längst nicht mehr zu retten war. Ihre Einsatzgebiete gegen die Amerikaner befanden sich in Elbenau und Grünewalde bei Schönebeck, im Elbe-Saale-Winkel bei Zuchau, Sachsendorf und Rosenberg, bei Köthen und um Dessau sowie östlich der Elbe am Brückenkopf Barby.

Zeitzeugen berichten von ihren Erlebnissen

Am 13. April 1945 waren die US-Truppen bis an die Elbe bei Barby vorgerückt. Tags zuvor hatten die Deutschen die Elbbrücke gesprengt. Die Amerikaner hielt das nicht ab. Sie errichteten eine Pontonbrücke über den Fluss und stießen weiter vor. Ausführlich schildert Heinz Ulrich unter anderem die Kämpfe um Walternienburg, Güterglück, Hohenlepte und Steckby. Dabei lässt er Zeitzeugen zu Wort kommen, die an den dortigen Gefechten teilgenommen haben.

Ein wichtiges Datum ist ebenfalls der 16. April 1945. An dem Tag trat die Rote Armee an Oder und Neiße mit einer Großoffensive zum letzten Sturmlauf auf Berlin an. Auch die Division "Scharnhorst" musste auf den Befehl Hitlers ab 24. April eine Kehrtwende in Stoßrichtung Osten machen. Unter Belassung von schwachen Sicherungen gegen den Westgegner wurde sie zur Befreiung der Hauptstadt eingesetzt. Der Autor schildert die Begegnungsgefechte mit starken russischen Verbänden bis Beelitz und die Befreiung von 3000 verwundeten deutschen Soldaten aus dem bereits von der Roten Armee besetzten Beelitz-Heilstätten genauso wie die Aufnahme von Restverbänden der 9. Armee (Busse) aus dem Kessel von Halbe und den Rückzug zur Elbe bei Tangermünde in amerikanische Gefangenschaft.

"Mein Ziel war, einen möglichst genauen Ablauf der Ereignisse zwischen Aufstellung und dem Ende der einzelnen Teile der Division zu geben und darzustellen, unter welchen Schwierigkeiten die Angriffe vorgetragen werden mussten und wie unzulänglich die Mittel dazu waren", erklärt der 74-Jährige. Für das Titelbild seines Buches wählte er den Soldatenfriedhof in Biere aus. Dort wurden 131 deutsche Soldaten, fast ausschließlich vom 1. Regiment Bataillon Rettig der Division "Scharnhorst" beigesetzt. Schlichte Holzkreuze zeugen von ihrem Schicksal und sind zugleich ein mahnendes Zeichen für Frieden.

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