Vor 66 Jahren bildete Walternienburg den dramatischen Schauplatz verlustreicher Kämpfe um den Brückenkopf Barby. Junge Männer gaben in jenen Apriltagen ihr Leben für ein Deutschland, das längst dem Untergang geweiht war. Ihrer und all der unzähligen anderen sinnlosen Kriegsopfer wurde am Sonnabend in dem Elbort gedacht. Zum 20. Mal trafen sich dort Veteranen des Zweiten Weltkrieges. Unter ihnen befand sich ebenfalls der Amerikaner William S. Spriggs.

Walternienburg. Die Bilder der jungen deutschen Soldaten, die ihnen ungeschützt ins offene Feuer liefen, lassen William S. Spriggs nicht los. Wenn er da- ran denkt, verschwindet das sympathische Lächeln sofort aus seinem Gesicht. Bis heute belastet jenes ungleiche Gefecht vor 66 Jahren sein Gewissen. Seine Einheit hielt sich damals in dem Wäldchen zwischen Walternienburg und Flötz versteckt, als ihnen ihre Gegner übers freie Feld entgegenkamen. "Viele meiner Kameraden sind hier gefallen", kehren auch die Gedanken von Hans-Joachim Kramer an diesen schicksalshaften Tag zurück. Der Hettstedter selbst hatte Glück.

Gegen 17/18 Uhr war es, als seine Truppe am 13. April 1945, seinem 18. Geburtstag, die Bahnlinie entlang von Güterglück gen Elbe marschierte. Dort hatten die Amerikaner einige Stunden zuvor mit Sturmbooten von Barby aus über den Fluss übergesetzt. "Um 13.30 Uhr sind wir angelandet", weiß William Spriggs noch genau, wie sie unweit der jetzigen Fährstelle am Ufer anlegten. Unterdessen erinnert sich Hans-Joachim Kramer, wie sie bis Flötz vorrückten. Er selbst gehörte dem Aufklärungstrupp an. Als sie sich dem Dorf näherten, wurden sie aus einem einzeln stehenden Haus von drei US-Soldaten beschossen, die sich darin verschanzt hatten. Es gelang ihnen, das Gebäude einzunehmen.

"Als es am nächsten Morgen hell wurde, hieß es plötzlich, wir gehen in amerikanische Gefangenschaft", blickt der 83-Jährige zurück. "Unser Kompanieführer Kirchner war einsichtig und hat den sinnlosen Kampf am 14. April um 7 Uhr abgebrochen", berichtet Hans-Joachim Kramer. Bewegt schildert er, wie sie ihm sein Leben zu verdanken haben, während sich der Rest der Kompanie auf das Wäldchen zubewegte und in einen aussichtslosen Einsatz geschickt wurde.

"Junge Männer wurden dahingerafft, obwohl sie noch ihr ganzes hoffnungsvolles Leben vor sich hatten", formuliert es Fritz-Alexander Hornhardt aus dem niedersächsischen Kirchwalsede. Er war gerade 16, als man ihn einberief. Er kämpfte in Pommern und Westpreußen. Nach einer Verwundung folgte seine Eingliederung in die Armee Wenck, die als letzte Hoffnung Hitlers aufgestellt worden war.

Eiligst wurden dafür junge Burschen, die meisten zwischen 17 und 19 Jahre alt, zu Regimentern zusammengewürfelt. Ohne ausreichende Ausbildung und nur unzureichend ausgerüstet sollten sie den US-Truppen Gegenwehr leisten. "Im Glauben für eine gute, gerechte Sache einzutreten, haben sie bis zuletzt ihre Pflicht erfüllt", sagt Fritz-Alexander Hornhardt.

Bei den unsinnigen Kampfhandlungen zwischen Gödnitz und Steckby starben allein 446 deutsche Soldaten. 47 ruhen in dem gepflegten Reihengrab auf dem Walternienburger Friedhof, vor dem der 83-Jährige nun steht. Es ist nicht das einzige. In allen Dörfern entlang der Elbe finden sich solche Gräber. "Sie sollen bewusst eine Mahnung sein, ein Aufruf, den man weithin hören soll: Nie wieder Krieg!", betont Fritz-Alexander Hornhardt.

Der Einsatz für den Frieden verbindet die Veteranen, die sich seit 1992 jeden April hier in Walternienburg treffen. Dabei werden sie von Jahr zu Jahr weniger. Deshalb äußert Fritz-Alexander Hornhardt die Bitte, dass sich in Zukunft immer wieder junge Menschen zusammenfinden, um der Kriegstoten zu gedenken. Jene Ereignisse, die sich ihnen so tief eingeprägt haben und sie bis heute im Schlaf aufschrecken lassen, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Umso mehr freut er sich über die Schüler des Zerbster Francisceums. Zum dritten Mal gestalten einige Gymnasiasten die Gedenkveranstaltung aktiv mit. Den von Pastorin Benita Arnold gehaltenen Gottesdienst bereichern sie mit Gebeten, Lesungen und Dialogen - teils in englischer Sprache. Als sich anschließend alle zum Reihengrab begeben, legen die Elftklässler stellvertretend für alle Mütter, die nie die Chance hatten, an die Gräber ihrer Söhne zu treten, weiße Rosen nieder.

Als dann William Spriggs und Hans-Joachim Kramer zu den melancholischen Bläserklängen der Zerbster Musikanten zwei Kränze niederlegen, sind ebenfalls Schüler an der Seite der Veteranen. Sie sind jetzt in dem Alter, in dem die beiden ergrauten Männer damals in den Krieg zogen. "Das kann man sich vorstellen", sagt Patrick Schneider. Er erzählt, wie ihnen "Bill" seine Erlebnisse geschildert hat. "Berührend", sagt der Gymnasiast. Auf Einladung der Schüler kehrte William Spriggs das erste Mal nach 66 Jahren nach Deutschland zurück. Zum einen wollte er seiner Tochter zeigen, wo er einst gekämpft hat. Zum anderen ist es ihm wichtig, junge Leute an die damaligen Geschehnisse zu erinnern, damit dies nicht wieder passiert. Die Elftklässler profitierten davon.

"Die Einzelschicksale erfährt man sonst nicht", erklärt Claudia Leisering. Auch Charlotte Hahn haben die vielen persönlichen Erinnerungen beeindruckt, "die man so nicht in Geschichtsbüchern" liest. Dort fehlt zudem oft die lokale Verbindung. "Ich habe gar nicht gewusst, dass es so einen Bezug zu der Gegend gibt", gesteht Claudia.

Tief tauchten die Elftklässler bei ihren Vorbereitungen in die Materie ein. Dass sie einen nicht so schnell loslässt, beweisen die Abiturientinnen Karoline Schirmer und Annemarie Niemann, die ebenfalls angereist sind. Sie wenden sich nach dem Gottesdienst in Vertretung des erkrankten Dr. Oscar Weiss an die Anwesenden. Der Münchner war einer der Soldaten, die damals den Marsch auf das Wäldchen überlebten. Vor dieser traumatischen Erfahrung vermittelte ihm eine ältere Frau seine "Zerbster Lektion". Liebevoll kümmerte sie sich um ihn und zwei seiner Kameraden. Selbst hilflos, doch Hilfe gebend, lehrte sie ihn, was "humanitas", der "Urbegriff aller Tugenden" bedeutet.