Mehrere Wochen lang untersuchten die Stadtarchäologen um Grabungsleiter Dr. Gösta Ditmar-Trauth die Freifläche an der Jüdenstraße. Verschiedenste Spuren dichter Be- siedlung lassen den Alltag der damaligen Zeit wieder erkennen.

Zerbst. Keramiken aus dem 11. und 12. Jahrhundert, Gebrauchsgegenstände aus dem Mittelalter, Spuren damaliger Öfen rund oder T-förmig: Die Grabungen an der Jüden-straße brachten viele Erkenntnisse zutage.

"Unser Wissen über die damalige Zeit bekommt mehr Farbe", umschreibt es Grabungsleiter Dr. Gösta Ditmar-Trauth. Vor allem die Spuren dichter Besiedlung zeigen, dass dieses Areal zur damaligen Zeit kein Randgebiet war und auch, dass hier wohlhabende Bürger lebten. "Dafür spricht nicht nur die unmittelbare Nachbarschaft zum einstigen Judenviertel. Der Fund von ,hochwertiger Ware\' lässt diese Schlussfolgerung zu", so Ditmar-Trauth. Dabei ist es vor allem ein Fund, der für die gutsituierten Bewohner spricht. Die Scherbe eines Trink- oder Schankkruges zeigt einen vollplastisch aufgesetzten Vogelkopf. "Von diesen Keramiken haben wir nur eine Handvoll Scherben gefunden." Zeitlich sind sie ins 13. Jahrhundert einzuordnen. "Hier lebten gut betuchte Bürger Haus an Haus. Das zeigen uns die Spuren unterkellerter Fachwerkhäuser, die nah beieinander standen. Es war eine gute Gegend", fasst Ditmar-Trauth zusammen und umreißt damit die Zeit des 13. Jahrhunderts, dessen Grundlagen bereits im 11. und 12. Jahrhundert gelegt wurden. Eine reiche Händlerschicht nannte dieses Viertel seine Heimat.

So bunt das Leben damals hier war, so vielfältig sind die Funde. Beispielsweise gibt es eine abgerundete Keramikscherbe, die einst als Spielstein diente. Ein feiner Kosmetikspatel konnte ebenfalls aus der Erde geborgen werden. Nicht nur die Damen nutzten dieses Werkzeug, auch die Mediziner und Apotheker. Ein Bortenstrecker hielt früher den Gürtel in Form oder der Teil eines Glasringes, der als Haarschmuck Verwendung fand.

Funde von Keramiken "Pingsdorfer Art" traten ebenso zutage. "Das ist weiße Keramik mit rotbrauner Bemalung. Das gutbürgerliche Nutzgeschirr des 11. und 12. Jahrhunderts", erklärt der Archäologe.

Doch vor allem der Fund der Scherbe mit Vogelkopf gibt einen Einblick in den doch mitunter recht schrillen Geschmack des Mittelalters. "Zu dieser Zeit war die Entwicklung schon recht weit und nicht so primitiv, wie manche denken. Allerdings folgte mit der Pest im 14. Jahrhundert ein spürbarer Einbruch. Viele Fachleute starben damals und mit ihnen ihr Wissen."