Poesiealbum - bei dem Wort lebt eine fast entschwundene Welt in unseren Köpfen auf. Fast jeder hatte eines dieser kleinen Bücher. Sieht man die Sammlung von 25 Poesiealben des Zerbster Museums, merkt man, dass der Zauber keinen Vergang hat. Daher soll eine Ausstellung alle verzaubern, die dem bisher entgangen sind.

Zerbst. Vorsichtig blättert Heinz-Jürgen Friedrich, Leiter des Museums der Stadt Zerbst, mit Handschuhen an den Händen im Stammbuch von Louise Hahn. Es ist 174 Jahre alt. "Es stammt aus der Zeit der Romantik, die Blütezeit der Poesiealben", erklärt Friedrich. Zu der Zeit schrieben sich die Mitglieder literarischer Zirkel gegenseitig künstlerische Verse auf die Seiten, gaben den Einträgen persönliche Noten durch Bilder oder Verzierungen.

"In diesem Buch ist eine eingeheftete Haarsträhne einer Freundin zu finden", zeigt Friedrich und lächelt begeistert. "So etwas wurde bei großer Zuneigung und Vertrautheit beigelegt", weiß er. Andere Mitgaben waren beispielsweise Scherenschnitte, Caligrafien, Bleistift- oder Tuschezeichnungen oder aber auch Stampfersblumen.

Aber nicht nur als Buchform wurden die kleinen Lebensweisheiten und Wünsche gesammelt. "Es gab auch oft Kästchen, liebevoll verziert, in denen kleine Kärtchen waren, auf denen sich verewigt wurde", erklärt Friedrich. Auch ein solches Beispiel hat er zur Hand: Es gehörte um etwa 1862 einer jungen Dame aus Köthen.

Ein Stück, auf das Friedrich sehr stolz ist, kommt aus Danzig um 1786. "Einer der Eintragenden hat einen Vogel auf die Seite gemalt und darauf ein Stück Papier geklebt, was so eingeschnitten war, dass es sich beim Hochziehen zu einem Käfig formte. So schenkte er dem Besitzer einen Vogel im Käfig", zeigt Friedrich mit großer Sorgfalt und Vorsicht. "Man hat sich sehr viel Mühe bei solchen Eintragungen gegeben, weil es etwas ganz besonderes war, sich in ein Poesiealbum einschreiben zu dürfen", erklärt der Museumsleiter weiter.

Interessant für das Museum ist ein Stammbuch von 1809. "Die kurze knappe Eintragung ¿Glaube, Liebe, Hoffung\' von einem Herren Hausmann. Dieser war Lehrer der hiesigen Mädchenschule und schrieb der Besitzerin mit den Initialien J.S.S. diese drei Wünsche ins Buch", sagt Friedrich.

Viele spannende Geschichten finden sich unter den Eintragungen. Aber vor allem spiegelt sich die Zeit auf wunderschöne Art und Weise in den Büchern wieder. Daher plant Friedrich eine Ausstellung der Alben im Sommer. Für eine Entwicklung der Poesiealben und wie sie von den Jahren geprägt, aber nie aus der Mode gekommen sind, sucht der Museumsleiter noch Leihstücke von Zerbster Bürgern - egal aus welchem Jahr, auch die Neuzeit ist gefragt. "Lediglich für die Ausstellung würden wir die wertvollen Erinnerungsstücke entleihen wollen", versichert er.

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