Der Wolf ist in Mitteldeutschland wieder heimisch geworden. Was für den einen ein Glücksfall ist, ist für viele Menschen zugleich beängstigend. Insbesondere der Riss von insgesamt 26 Schafen auf einer Weide bei Gollbogen macht den Anwohnern in unserer Region deutlich: Die Wölfe zählen zu unseren Nachbarn.

Von Judith Kadow

Köthen/Zerbst. Um die aktuelle Situation jedoch besser einordnen zu können und sachlich zu betrachten, lud Kees de Vries, Vorsitzender des Landwirtschafts- und Umweltausschusses des Kreistages, zur jüngsten Sitzung Klaus Puffer von der Bundesforst-Hauptstelle Möser ein, der einen Überblick über die Entwicklung des Wolfsrudels auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow gab - und damit über jene Wölfe, die wohl für den Riss von 26 Schafen bei Gollbogen verantwortlich sind. Des Weiteren informierte Andreas Rößler, Leiter des Naturschutz- und Forstamtes des Landkreises sowie Sachverständiger des Gollbogen-Risses, über die weiteren Schritte in diesem Fall.

In Bezug auf die Vermehrung der Tiere konnte Puffer die Anwesenden beruhigen. Einen Wurf pro Jahr konnte der Wolfsbeauftragte bisher dokumentieren. Seit das Wolfspaar 2008 entdeckt wurde, gab es zwei Würfe. "Aber wie viele Wölfe verträgt unsere Region?", fragte de Vries bei diesen Zahlen nach. "Die Welpen verlassen nach etwa zwei Jahren das Rudel und suchen sich eigene Reviere, die zwischen 25 und 30 000 Hektar groß sind. Konkurrenten dulden sie dort nicht." Außerdem dürfe man nicht die Sterblichkeitsrate vergessen. "Einige Welpen kommen nicht durch, Tiere werden überfahren oder schwarz geschossen."

Vielmehr liege mit Blick auf Gollbogen das Problem darin, dass viele Tierhalter noch keine ausreichenden Schutzmaßnahmen gegen Wölfe ergriffen haben. Im Falle von Gollbogen war die Weide lediglich mit einem maroden Zaun gesichert. Vorhandene Elektrozäune waren nicht mit Strom versorgt. "Es gibt effektive Möglichkeiten, Wölfe abzuschrecken", betonten Puffer und Rößler. Im Falle von Zwischenfällen merkt Puffer an: "Das Land hat sich zum Wolf bekannt und daher auch Entschädigungszahlungen gesetzlich festgeschrieben." Der Gollbogener Schäfer Marcus Jungnickel wird rund 4700 Euro Entschädigung erhalten. "Die Summe hat das Landesverwaltungsamt bereits angewiesen. Zudem haben wir ihm eine fachliche Beratung angeboten und geraten, sich zu erst um einen neuen Elektrozaun zu kümmern und ihn zu erhöhen", so Andreas Rößler. Bis dahin ist dem Schäfer ein Elektrozaun vom Land gestellt worden. "Seitdem hat es keine Probleme gegeben", berichtet Rößler.

"Aber wieso haben die Wölfe in Gollbogen zugeschlagen?", fragte de Vries. "Es ist eher wundersam, dass es nicht viel früher passiert ist", warf Puffer ein. Er geht davon aus, dass die Wölfe nicht auf Beutejagd waren, sondern beim Erkunden des Gebietes die Gelegenheit nutzten, die ungeschützten Tiere zu attackieren.

Das mit der Ansiedlung der Wölfe Probleme verbunden sind, räumte Klaus Puffer ein. Die Jäger, deren Reviere an den Truppenübungsplatz angrenzen, seien nicht unbedingt zufrieden mit den neuen Nachbarn. "Wir konnten zum Beispiel beobachten, dass das Wild scheuer geworden ist", so Puffer.

"Stimmt es denn, dass der Truppenübungsplatz wildfrei geworden ist oder ist das eine dieser alten Geschichten", hakte Kees de Vries nach und holte somit eines von vielen Vorurteilen vor, die Puffer und Rößler regelmäßig im Zusammenhang mit dem Wolf begegnen. "Nein, das stimmt nicht", antwortete Puffer. Rot-, Dam-, Schwarz- und Rehwild ist noch immer vorhanden. "Und auch unsere Jäger schießen noch immer Wild, auch wenn womöglich die Zeiten mit den ganz großen Exemplaren vorbei sind."

Derweil liegen die Untersuchungsergebnisse einer DNA-Analyse der Schafskadaver vom zweiten Riss vor. "Es ist bestätigt worden, dass Wölfe aus der deutsch-westpolnischen Population die Schafe getötet haben", erklärt Rößler. Ob es sich dabei um die Altengrabower Wölfe handelt, ist nicht 100-prozentig sicher. Diese Vermutung kann erst ein späterer Vergleich mit DNA-Proben der Altengrabower Wölfe belegen.

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