"Inklusion beginnt im Kopf." Unter diesem Motto wurde am Donnerstag der diesjährige Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung begangen. Bei einer Podiumsdiskussion, zu welcher der Beirat für Menschen mit Behinderung geladen hatte, nahmen Vertreter aus Politik und Gesellschaft Stellung zu Fragen der Gleichstellung, Akzeptanz und Integration von Menschen mit Behinderung.

Zerbst. Vor nunmehr zwei Jahren trat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Kraft. Da-rin geregelt sind unter anderem das Recht auf Arbeit, Bildung und Barrierefreiheit.

Die Theorie dieser Absichten ist in den UN-Konventionen festgehalten - an der Realisierung hapert es nach wie vor. Bis heute klaffen riesige Schluchten zwischen Vorhaben und Umsetzung. Dies gilt auch die Stadt Zerbst und den gesamten Landkreis.

Zu diesem Fazit kamen am Donnerstag die sechs Diskutanten der öffentlichen Podiumsdiskussion. Neben dem Kreistagsabgeordneten Ronald Maaß (Die Linke) und dem Bau- und Umweltdezernenten Dr. Fred Walkow nahmen auch der Kreistagsabgeordnete Kees de Vries (CDU), der Zerbster Bürgermeister Helmut Behrendt und Stadrat Werner Bressel (FDP) an der Veranstaltung teil. Zudem schilderte die Vorsitzende des Behindertenbeirates, Dagmar Zoschke, ihre Sicht der Dinge.

Zur Sprache kamen vor allem die Diskrepanzen zwischen der Forderung nach Gleichberechtigung und den Möglichkeiten ihrer Umsetzung. "Bei allen Bemühungen ist die größte Hürde oftmals die finanzielle", gibt Bürgermeister Helmut Behrendt zu verstehen und erntete zustimmendes Kopfnicken. Während Barrierefreiheit bei Neubauten inzwischen gesetzlich geregelt sei, ist doch vor allem der behindertengerechte Umbau von Altbauten finanziell problematisch. Dennoch befinde Zerbst und auch der Landkreis sich auf dem besten Wege, bestätigte Dagmar Zoschke.

"In unseren Ämtern beherrscht scheinbar kein Mitarbeiter die Gebärdensprache"

Barrierefreiheit ist allerdings nur ein Facette von vielen. So sei der Zugang zu Informations-, Kommunikations- und anderen Dienstleistungen ein anderer bedeutender Aspekt. "Es grenzt an Diskriminierung, dass sich Gehörlose in Ämtern nur schriftlich verständigen können, da niemand die Gebärdensprache beherrscht", macht Zoschke deutlich. Dass ein Dolmetscher etwa 60 Euro in der Stunde kostet, erklärt auch warum.

Zum selbstbestimmten Leben gehört neben dem Zugang zu Informationen ebenso der Zugang zu Bildung. Und gerade bei diesem Thema scheiden sich die Geister.

Während das integrative Bildungskonzept die individuelle Förderung fokussiert, will man beim inklusiven Schulmodell Abstand von der Besonderung der Menschen nehmen. Dies sei allerdings nur bedingt sinnvoll, meint Kees de Vries.

"Lösungen sollten nach Art der Behinderung differenziert werden"

Kees de Vries weiß, wovon er spricht. Er ist Vater von sechs Kindern. Einer seiner Söhne ist infolge einer Gehirnhautentzündung geistig behindert. "Ich wollte, dass mein Sohn in eine Sonderschule geht", erzählt er. "Dort ist er glücklich und hat deutlich mehr Erfolgserlebnisse. In einer Regelschule wäre er untergegangen." De Vries verdeutlicht zudem, dass im Modell der Inklusionsschule schließlich keine Allgemeinlösung gefunden werden könne. "Für die unterschiedlichen Arten der Behinderung müssen auch unterschiedliche Lösungen gefunden werden", so de Vries.

Ebenso wichtig sei es, den nachkommenden Generationen zu vermitteln, dass "Menschen mit Behinderung Menschen wie du und ich" seien, unterstreicht Ronald Maaß. "Das Agieren auf Augenhöhe darf keine Ausnahme, sondern muss eine Selbstverständlichkeit sein." Und dies beträfe alle Lebensbereiche, so der Kreistagsabgeordnete.

Der Weg dahin ist lang und steinig. Indem sich der Landkreis jedoch öffentlich dazu positioniert, sei zumindest ein Anfang gemacht, so Bürgermeister. Behrendt.

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