Zum 18. Mal hatte die Kreishandwerkerschaft zum Handwerkerfrühschoppen eingeladen. Kreishandwerksmeister Roland Prokop formulierte hier, für die geladenen Gäste überraschend, Kritik etwas schärfer. Dass die Schweinemastanlage auf dem Flugplatz vor der Genehmigung stehe, sei ein Unding. Worin die Vision der Stadt für ihren Nachwuchs bestehe, besonders den akademischen, wollte er sich vom Bürgermeister erläutern lassen. Auch die " Dauerbrenner " – Zahlungsmoral, Steuerlast, Auftragsvergabe – kamen zur Sprache.

Zerbst. " Beim nächsten Mal ein bisschen konkreter und nicht solch eine globale Hau drauf-Rede ", meint Bürgermeister Helmut Behrendt. Für seinen Geschmack hat Kreishandwerksmeister Roland Prokop bei diesem Handwerkerfrühschoppen den richtigen Ton nicht gefunden. " Wenn ich nicht all die Jahre so konsequent gewesen wäre und auch der Stadtrat, dann hätten wir die Schweinemast schon längst auf dem Flugplatz ", grollt Behrendt. Es sei " nicht in Ordnung, global und oberflächlich zu diskutieren. Wir haben dieses Verfahren nicht in der Hand. "

Die über Jahre vor allem auch vom Handwerk beschriebenen Befürchtungen haben die Realität erreicht. " Wenn das Landesverwaltungsamt demnächst die Baugenehmigung für die Schweinemastanlage auf dem Flugplatz erteilt, dann können wir als Standortkommune unsere Bedenken vortragen. Das werden wir auch wieder tun, doch wir haben keine hinreichend starken Argumente, die eine Genehmigung ausschließen würden ", muss auch Jürgen Konratt, der Wirtschaftsförderer der Stadt, einräumen.

" Helmut, wo sind die Visionen für die Jugend ?", hatte Prokop direkt seinen Zerbster Bürgermeister gefragt. Der konterte richtig erbost : " Seit Jahren klagt das Handwerk über das Niveau der Schulabgänger, und jetzt, wo sie knapp sind, verlangt ihr Visionen. Ich muss mich schon sehr wundern. "

Landrat Uwe Schulze griff dies später erneut auf. Verwies auf die Wirtschaftskraft im südlicheren Kreis-Bereich. Grundsätzlich war er von der offenen Rede beim Frühschoppen jedoch recht angetan. Und zeigte eigenen Fleiß auf – bei der Verteilung der Konjunkturpaket-Mittel auch ans Francisceum zum Beispiel. In Bezug auf die Schweinemast-Investition hat der Landrat " noch Hoffnung, dass sich Q-Cells und Getec vereinbaren und die gesamte Fläche für Solarenergie genutzt wird ".

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ulrich Petzold verwies auf die engen Bindungen zwischen Hochsschule Anhalt und der Wirtschaft. Beispiel ? Eine Gommeraner Firma entwickelt mit Köthener Studenten ein Verfahren zur katalytischen Verölung. " Aus 100 Kilo Stroh werden die 18 Liter Diesel herstellen. " Das Handwerk solle die Region, die derartiges hervorbringe, bitte nicht schlechtreden, wenngleich es " natürlich auch Probleme gibt ".

Prokop verteidigte sich – er wolle weder schlecht- noch schönreden. Das griff Innenminister Holger Hövelmann auf. Es sei " ganz Großartiges geleistet worden seit 1990. Gerade in der Region liegt es aber sehr an uns selbst, etwas aus ihr zu machen. " Die Fähigkeiten von Schulabgängern würden bereits vor der Schulzeit beeinfl usst. " Wir müssen in den Familien ansetzen und in den sozialen Netzen der Kommunen. "

Dr. Jürgen Rogahn, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Halle / Saale, berichtete von der allgemeinen wirtschaftlichen

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Lage. Noch sei die Krise nicht gemeistert, denn die Schulden abzuzahlen stehe noch lange an. Was Volksbank-Vorstand Albrecht Hatton unterstrich. Die Wirtschaft habe die Intensivstation verlassen und befinde sich in der Reha. Er ärgere sich " fürchterlich über die Bankenabgabe ". Die trifft auch Sparkassen und Volksbanken – die zur Finanzkrise absolut nichts beigetragen hätten.

So hatte jeder, auch manch hier nicht genannter, sein Für und Wider dargelegt, auf eine im Vergleich zu vorjährigen Frühschoppen vielleicht deftigere Weise. Zum Ende hin war Kreishandwerksmeister Prokop versöhnlich. Wie es sich zur Mittagszeit gehört.