Nun sind es 20 Jahre. 20 Jahre Freier Kinder-Garten in Zerbst. Als erster seiner Art in Sachsen-Anhalt öffnete er am 2. April 1991 seine Türen. Gegründet von einem Eltern- und Förderverein. Der trägt die Einrichtung bis heute. Und lädt am ersten Juni-Wochenende zum Geburtstagfeiern ein.

Zerbst. "Wir waren so ungeduldig." Irene Leps erinnert sich an die Zeit, "als die Wende kam, aber nicht in den Kindergärten". Sie war selbst junge Mutter, Annette Neumann war es auch. Beide finden eine zunächst kleine Gruppe weiterer Mitstreiter für ihr Anliegen, "etwas Kleines, Familiäres zu schaffen". Einen Kindergarten nach den eigenen Vorstellungen, in eigener Trägerschaft. Möglichst schnell sollte dies geschehen. Daher die Ungeduld.

Sie findet Gehör. Der am 11. November 1990 entstandene Eltern- und Förderverein für einen Freien Kindergarten Zerbst bekommt weitere Unterstützer und auch Partner in den zuständigen Ämtern. Zunächst ist es das einstige Pfarrhaus in Wertlau, das sie sich angucken können. "Wir haben schon über Busshuttle und solche Dinge nachgedacht", erzählt Annette Neumann. Dann aber ist es schnell die obere Etage der Villa Altbuchsland 10, die den Neu-Kindergärtnern angeboten wird.

"Vorurteile gibt es bis heute"

Als sie am 2. April 1991 mit neun Kindern beginnen, aus denen bald zwölf werden, ist die Villa unten noch vom städtischen Kindergarten belegt, bleibt es bis 1993. "Wenn es warm war, durften unsere Kinder nackig rumlaufen, die anderen nicht. Unsere konnten sich ihr Spielzeug nach Belieben nehmen, dort wurde es ausgegeben", erinnert sich Annette Neumann, von Beginn an als Erzieherin tätig, in Beispielen, wie die Kindergarten-Konzepte unmittelbar aufeinander prallten. Viel Skepsis und Vorurteile sind da in der Stadt gegenüber den Neuen.

Erstaunlich, aber wahr: "Es gibt sie bis heute", weiß Silke Alarich, Kindergarten-Leiterin seit 1997. Sie entstanden, sie entstehen immer noch vor allem aus Unkenntnis gegenüber dem, was im Freien Kinder-Garten passiert.

Der Bindestrich entsteht, als die Kindereinrichtungen in die freie Trägerschaft gehen und Kitas werden. "Wir wollten unseren Namen behalten", sagt Erna Ennen, einige Jahre selbst Vereinsvorsitzende und heute noch im Vorstand für die Finanzen zuständig. Dass aus dem Kindergarten ein Kinder-Garten wird, wird in der monatlichen Eltern- und Erzieherrunde ausdiskutiert. Wie auch die Ganztagsöffnung ab 1994. Wie so vieles andere. "Es sind oft schwierige Diskussion", weiß Erna Ennen. Und Annette Neumann erzählt schmunzelnd davon, wie sie bei der Beschäftigung mit verschiedenen reformpädagogischen und Kindergarten-Modellen die Reise auch nach Freiburg/Breisgau führte. Wie dort diskutiert wurde – "später waren wir teilweise genauso".

Die Kinder vieler asylsuchender Familien, die anfangs im Freien Kinder-Garten betreut werden, das Saubermachen der Einrichtung in eigener Verantwortung, das die Eltern über viele Jahre besonders forderte, Tiefen, wenn die Auslastung zurück ging oder als zwischenzeitlich das Team nicht stimmte ... Vieles hat inzwischen die 20-jährige Geschichte des Freien Kinder-Gartens geprägt.

Im Kinder-Garten-eigenen Lied heißt es im Refrain: "Ein paar Jahre sind wir hier zu Hause, das zieht Spuren für die Lebenszeit."

Deutlich wird das auch, wenn die Eltern erzählen, wie es weitergeht, wenn die Kinder in die Schule kommen. "Es sind die Kinder, die nachfragen, die auch das bessere Sozialverhalten haben", hört Michael Tiefenau, heute Vorsitzender des Eltern- und Förderverein, von der Lehrerin seines Sohnes. Erfahrungen, die die anderen teilen. Achtungsvoller Umgang mit anderen, soziales Engagement wird den Kindern bescheinigt. Anke Krüger, auch langjähriges Vorstandsmitglied, und Erna Ennen erzählen aber ebenso von Problemen, die die Kinder haben, weil sie in der Schule erleben, dass ihnen nicht zugehört wird.

Was macht den Freien Kinder-Garten im 20. Jahr aus? 30 Kinder zwischen zwei Jahren und der Einschulung können in der Jugendstilvilla mit ihrem Gelände drumherum betreut werden. "Wir haben jetzt immer um die 25", sagt Silke Alarich und dass es für die Einrichtung von Gründung an eine Ausnahmegenehmigung gab, Kinder aus dem ganzen Landkreis aufnehmen zu können. Silke Alarich, Annette Neumann und Susanne Floß sind die Erzieherinnen-Crew, die von noch ein paar weiteren Mitstreitern und seit 1993 fast durchweg von zwei jungen Leuten im Freiwilligen Sozialen Jahr unterstützt wird.

"Die Eltern haben sich verändert", finden die Kinder-Garten-Wegbegleiter im Jubiläumsrückblick. "Wir waren anders sensibilisiert, es war eine andere Euphorie", so Irene Leps. Längst ist es nicht mehr der Freie Kinder-Garten an sich, der sich Eltern dafür entscheiden lässt.

"Es sind die Kinder, die nachfragen"

Die Knirpse, die in Altbuchsland 10 ihren Tag verbringen, erleben sie aber durchweg, die Besonderheiten, die dieses Haus bietet. Es möchte, so heißt es im aktuellen Konzept der Einrichtung unter anderem, "ein Ort sein, an dem Kinder mit ihren Bedürfnissen, ihren Gefühlen und Konflikten ,richtig‘ sind, sie wahrnehmen und mit ihnen umgehen lernen, an dem Kinder in ihrer ganzheitlichen Entwicklung gesehen und unterstützt werden, an dem Erwachsene mit ihrer Aufmerksamkeit den Kindern folgen und von ihnen lernen, die Welt mit ihren Augen zu sehen".

Da ist zum Beispiel das tägliche gemeinsame Frühstück. Zweimal im Jahr ist jede Familie für den Einkauf zuständig. Alle Kinder haben die Auswahl aus dem selben Angebot, können entscheiden, was und wieviel sie essen möchten. Schon die Kleinsten schmieren ihre Brote selber, wer Hilfe braucht, bekommt sie und wenn der Kakao umfällt, ist das auch nicht so schlimm. Nicht nur hier wird Selbstständigkeit gefördert, Vertrauen und Kommunikation.

Der Morgenkreis danach beginnt unter anderem mit dem Zählen in einer immer anderen Sprache. Wie die Großen tauschen sich auch die Kinder in der Runde aus. Wenn es Probleme gibt, werden sie ausdiskutiert. Es gibt ein dickes, von den Kindern selbst erstelltes Regelbuch. Kreatives, stilles, lautes, Theaterzimmer ... heißen und sind die Räume im Freien Kinder-Garten. In der Küche wird gemeinsam gekocht, gebacken, Salat gemacht oder seit 20 Jahren im Juni Holunderblütensirup. Für draußen gibt es für die Größeren einen "Gartenpass", mit dem sie mindestens zu zweit ohne Erzieherinnen dort spielen dürfen ...

Jetzt bereiten sie das Jubiläumsfest vor, zu dem sie sich am 3. und 4. Juni nicht nur auf möglichst viele der Ehemaligen, sondern auch auf alle anderen interessierten Gäste freuen (Info-Kasten). Irene Leps hat mit den Kindern unter dem Titel "Was wächst denn da im Kinder-Garten?" ein Bilderbuch gestaltet. Neu und erweitert aufgelegt wird auch das Kinder-Garten-Liederbuch.

Und der Drache, Symbol von Anfang an, er wird auch zu diesem Jubiläum wieder den Dachboden verlassen und beim Fest dabei sein.

 

Bilder