Unzählige Kirchen prägen das Zerbster Umland. So individuell die Architektur der Gotteshäuser ist, so einzigartig ist die Ausstattung der Sakralbauten. Hinter manch verschlossener Tür verbirgt sich da eine unerwartete Überraschung. Davon konnten sich kürzlich die Teilnehmer des Kirchenführerseminars überzeugen. Denn die vom Förderkreis "Entschlossene Kirchen" und der Anhaltischen Landeskirche angebotene Veranstaltung beinhaltete ebenfalls die Besichtigung der Kirchen von Eichholz und Kermen.

Eichholz/Kermen. "Ist ja niedlich", bemerkt ein Seminarteilnehmerin, als sie vor der Kirche von Kermen steht. Das äußerlich so unscheinbare Gotteshaus gehöre zu den "kleinen Schätzchen in der zweiten Reihe", formuliert es Sonja Hahn vom Förderkreis. Die Kunsthistorikerin übernimmt an diesem Nachmittag die Führung. "Das ist sicher eine der kleinsten Kirchen in der Region", blickt sie gemeinsam mit den anderen auf den Feldsteinbau, der früher einmal einen Fachwerkreiter trug. Als das Dorf im April 1945 zwischen die Fronten geriet, wurde der Turm jedoch stark beschädigt und später abgetragen.

Nicht gleich auf den ersten Blick ersichtlich ist für Laien der "merkwürdige Grundriss". Das Kirchenschiff gehe nahtlos in die Rundung der Apsis über, erläutert Sonja Hahn, dass diese Form erst später in der Gotik aufkam. "Für eine romanische Kirche ist das völlig ungewöhnlich", erklärt die Fachfrau fasziniert. Sie weist ebenfalls auf die Backsteine im Mauerwerk hin, die wie das neu eingedeckte Dach von der Sanierung des Sakralbaus nach Kriegsende erzählen. 1952 erfolgte die Wiedereinweihung der Kirche, in der die letzten regulären Gottesdienste in den siebziger Jahren abgehalten wurden. Danach gab es sie nur noch sporadisch. Einen Anlass bildete die 700-Jahrfeier des Ortes 1998. Damals blieb kein Platz unbesetzt. Bis 2006 war dies der vorerst letzte Gottesdienst, seither findet stets einer am Peter-und-Paul-Tag statt.

Hölzernes Kunstwerk ist dringend zu restaurieren

Der Grund für das spezielle Datum erschließt sich den Frauen und Männern im Inneren der winzigen Kirche. Staunend betrachten sie den barocken, hölzernen Kanzelaltar, der um 1711 entstanden ist und von einem Strahlenkranz bekrönt wird. Seitlich der Kanzel stehen zwei barfüßige Apostel-Figuren. Sie sind in helle, Gold umsäumte Gewänder gehüllt. Petrus ist an dem Schlüssel erkennbar, den er in der rechten Hand hält. Unterdessen weicht Paulus von der üblichen Darstellung ab. Statt eines Schwertes trägt er ein dickes Buch bei sich, vermutlich die Bibel.

"Der Altar ist noch vollständig in der originalen Fassung erhalten", hebt Sonja Hahn hervor und weist auf die geschnitzten Vorhänge an der Kanzel, die mit ihrer Raffung so täuschend echt wirken. Wer das eindrucksvolle Werk mit seinen einzigartigen Details und der individuellen Darstellung schuf, ist nicht überliefert. Offensichtlich ist hingegen, dass der Altar restauriert werden müsste. "Die Schädlinge sind leider auf dem Vormarsch", bedauert Albrecht Lindemann. Auch die Feuchtigkeit sei ein großes Problem in der Kirche, erzählt der Theologe. Als zugezogener Eichholzer ist der Leiter der Erwachsenenbildung bei der Anhaltischen Landeskirche an diesem Tag Gastgeber. Er hat auch eines der Referate zum Thema "Taufe" gehalten, mit dem das Seminar seinen Auftakt erlebte.

Kammer im Turm wirft Rätsel auf

Abgerundet wurden die Vorträge mit der interessanten Besichtigungstour. Zunächst sahen sich die Teilnehmer das massive Eichholzer Gotteshaus und damit eine der ältesten Dorfkirchen auf anhaltischem Gebiet an. Auch sie wurde in jenen letzten Kriegstagen stark zerstört und nur notdürftig hergerichtet. In den achtziger Jahren war der Feldsteinbau mit seinem wehrhaften Turm erneut vom Verfall bedroht und wegen Einsturzgefahr geschlossen. Ein Teil der Schäden konnte seit 1991 behoben werden. Dennoch wäre eine grundlegende Sanierung erforderlich.

Der Renovierungsbedarf entging den Frauen und Männern nicht, deren Aufmerksamkeit Sonja Hahn auf das Altarfenster lenkte. Der Magdeburger Glasgestalter Richard Wilhelm hat es vor elf Jahren angefertigt. "Die Farben Grün, Blau und Rot stehen für die heilige Dreifaltigkeit", erläutert ihnen die Kunsthistorikerin, dass die Kirche nach diesem Fenster ihren Namen "St. Trinitatis" erhielt. Unterdessen wies Albrecht Lindemann die Gruppe auf eine gemauerte Kammer im Turm hin. Wozu diese einst genutzt wurde, ist bislang unklar. Rätselhaft ist ebenfalls die steinerne Frauenfigur ohne Kopf, die dort in einer Ecke ruht. Rasch hielten die Anwesenden die Statue noch im Foto fest, bevor sie ins benachbarte Kermen fuhren. Dort klingt das Seminar nun aus.

 

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