Seit nunmehr 60 Jahren besteht die Gemeinschaft evangelischer Schlesier in Deutschland. Aus diesem Anlass versammelten sich am Sonntag zahlreiche Würdenträger aus Kirche und Politik in der Trinitatiskirche, um mit den Vertretern der Gemeinschaft evangelischer Schlesier in Anhalt und deren Freunden und Bekannten diesem Jubiläum zu gedenken.

Zerbst. Der in Zerbst bekannte Pfarrer i.R. Heinz Lischke schüttelte am Sonntag zahlreiche Hände und er tat es gern. Viele Weggefährten aus Kirche und Politik waren in die Trinitatiskirche gekommen, um gemeinsam das 60-jährige Bestehen der Gemeinschaft evangelischer Schlesier (GeS) mit ihm und zahlreichen Schlesiern zu begehen.

"Es ist mir eine Ehre und Freude, Sie hier als Gäste begrüßen zu dürfen", begann Lischke den feierlichen Gottesdienst, den an diesem Tag Joachim Liebig, Kirchenpräsident der evangelischen Landeskirche Anhalt, hielt. "Für uns Schlesier ist dies ein bewegender Moment", sagte Lischke mit leuchtenden Augen, die tiefste Zufriedenheit ausstrahlten. Unter anderem begrüßte er Heinz Stumpe als Gast, der zusammen mit ihm 1992 die Gemeinschaft evangelischer Schlesier in Anhalt gründete. Einige Stühle weiter saß Innenminister Holger Hövelmann nebst Gattin, der ehemalige Landrat Gerhard Michaelis sowie Otto Lillge aus Detmold, der für den GeS sprach. Mit wenigen Worten erinnerte er die Anwesenden daran, wer die Gemeinschaft ist und wofür sie steht. "Wir wollen das geistige und kulturelle Erbe unserer Heimat pflegen und bewaren", sagte Lillge. Und: Man möchte Brücken bauen gen Osten. Dies geschah gestern, da ein Vertreter aus Breslau zugegen war. Pastor Andrzej Fober aus Breslau, der Geburtsstadt Lischkes, war ebenfalls ein besonderer Gast an diesem Tag. Er ist in der Gemeinde St. Christophori tätig, der einzige evangelische Kirche in Breslau, die Gottesdienste in Deutsch abhält. Auch er betonte die Bedeutung der Schlesier für seine Gemeinde.

Doch eine Bitte hatte Lillge, der sich wohl in Zukunft niemand entziehen möchte. Viele Lieder, die in Gottesdienst gesungen würden, seien von Schlesiern verfasst worden. "Es wäre sehr schön, wenn sie vor dem Gesang des Liedes dessen Verfasser nennen könnten. Auch dies hält die Erinnerung an unsere Wurzeln wach."

Auch ein Österreicher hatte sich nach Zerbst aufgemacht. Walter Böck, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Gallneukirchen, freute sich, Heinz Lischke in dessen Heimat mit seinem Besuch zu ehren. Seit 2009 ist eine Straße in Gallneukirchen nach Lischke benannt – als Anerkennung von dessen Engagement für die Aufarbeitung einer traurigen Vergangenheit. 1945 marschierte Lischke mit 20 000 deutschen Soldaten diese Straße entlang in die russische Gefangenschaft.

Und so bot der gestrige Nachmittag eine gute Gelegenheit, dass sich Zerbst und Gallneukirchen, verbunden durch Heinz Lischke, näher kamen – schließlich tauschten Walter Böck und der Zerbster Bürgermeister Helmut Behrendt Visitenkarten aus. "Wir wollen uns näher kommen und eine engere Verbindung knüpfen", sagte Behrendt im Gespräch mit Böck. Er respektierte den Mut Böcks, sich für die Namensgebung eingesetzt zu haben.

Und: Helmut Behrendt ist durch Heinz Lischke neugierig geworden auf Gallneukirchen. Einem Besuch ist er nicht abgeneigt. "Das muss ich mir mal ansehen." Ebenso wie Böck den Charme von Zerbst erleben konnten. "Es wäre schön, wenn wir lose Verbindung halten", so Böck. Er möchte noch einmal für eine ganze Woche Zerbst bereisen, um in Ruhe die Stadt kennenzulernen.

Dennoch bleibt bislang ein Problem bestehen, dass auch Lischke umtriebt. Derzeit hat die Gemeinschaft evangelischer Schlesier in Anhalt keinen Leiter. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Pfarrer Thomas Meyer dieses Amt nicht weiterführen. "Ich habe eben mit Joachim Liebig darüber gesprochen. Er hat eine Idee, aber die ist noch nicht spruchreif", so Liebig. Doch er sagt in Richtung Landeskirche klar und deutlich: "Wenn sie Wert auf unsere Arbeit legt, müssen Jüngere gefunden werden, die unsere Arbeit fortführen."

Somit wird vielleicht die nächste Generation die Erinnerung an die verlorene Heimat in der Zukunft wach halten, die Schlesien nicht mehr erlebt, aber durch Familie und die Geschichte eng mit diesen Wurzeln verbunden ist.

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