Vor 100 Jahren wurde am 8. Mai in Lindau das Eisenmoorbad eröffnet. Zu DDR-Zeiten verbrachten über 30 000 Patienten ihren Aufenthalt im Diätsanatorium. Seit 1994 stehen die Häuser leer. Der neue Eigentümer ist abgetaucht.

Lindau. "Wenn hier keine ärztliche Betreuung wäre, könnte man an Urlaub denken. Das Essen ist trotz Diät reichlich, schmackhaft und vielseitig. Der Wald ist gleich vorm Haus, so dass auch zu dieser Jahreszeit schöne Spaziergänge möglich sind. Im Sommer ist es hier noch schöner." An Tante Käthe und Onkel Herbert nach Dresden gingen in den siebziger Jahren die herzlichen Grüße von Helga und Horst. Die Postkarte mit den Ansichten aller vier Häuser des Diätsanatoriums und der Walter-Ulbricht-Briefmarke hat die Jahrzehnte schadlos überstanden. Die Einrichtung am Rande der Stadt nicht. Wo früher die Kurgäste Spaziergänge unternahmen, sagen sich heute Fuchs und Hase Gute Nacht.

Ein richtiges Erfolgsmodell ist das Eisenmoorbad wohl vor hundert Jahren schon nicht gewesen. Nichtsdestotrotz schmerzt es den Lindauern, was aus dem Kurpark, den stattlichen Gebäuden und den Arbeitsplätzen geworden ist.

36 Gründungsmitglieder sollen die Anhaltische Eisenmoorbad Lindau AG aus der Taufe gehoben haben. Stimmt das, was sich anscheinend noch rekonstruieren lässt, entwickelte sich die Idee zum Eisenmoorbad aus einer Bierlaune heraus im Ratskeller. Der Ratskeller, vormals eine Kneipe im Flecken, ist auch so ein Lindauer Kuriosum: Ein Rathaus hat die Stadt nämlich nie besessen. Seit Anfang des Jahres nach Zerbst eingemeindet, braucht sie jetzt auch keines mehr.

Idee zum Moorbad aus einer Bierlaune heraus

Aus Bad Schmiedeberg soll eine Fachkapazität herangezogen worden sein, die dem Lindauer Moor heilende Kräfte ("Das heilkräftigste Moor in Deutschland") bescheinigte. In Bad Schmiedeberg war bereits 1878 ein Eisenmoorbad eingerichtet worden. Nach Abzug der Dragoner hatte die Stadt ihre Erwerbsgrundlage verloren. Zu DDR-Zeiten spezialisiert auf die Behandlung von rheumatischen, orthopädischen und gynäkologischen Erkrankungen wurden jährlich etwa 6000 Patienten behandelt. Der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft ist in Bad Schmiedeberg anscheinend nahtlos gelungen. Lindau ist daran gescheitert.

Das Eisenmoorbad in der Vorfläming-Stadt war darauf angewiesen, vom Müttergenesungswerk Patienten zugeteilt zu bekommen und als Lazarett genutzt zu werden. Gleich in Zeiten zweier Weltkriege musste sich die Einrichtung behaupten. Wurde 1956 in der Broschüre zu 100-Jahre Stadtrecht noch beklagt, dass das Moorbad in "ortsfremde Hände" gegangen sei, klang das 20 Jahre später, und längst im Sozialismus verankert, ganz anders. Zum 800-jährigen Bestehen Lindaus kam bei den Stadtvätern kein Stolz mehr auf das Eisenmoorbad auf. Stattdessen wurden die "Geschäftstüchtigen" moniert, die die Einrichtung gegründet hatten, und die "teilweise hohen Kurkosten", so dass das Eisenmoorbad vorwiegend nur die genutzt hatten, die die Kosten selbst tragen konnten.

Kurhäuser zeitweise als Lazarett genutzt

Aber ist das verwunderlich? 1910 war die Bismarcksche Sozialgesetzgebung noch keine dreißig Jahre alt. Viele wichtige medizinische Entdeckungen waren erst im Laufe des 19. Jahrhunderts gemacht worden und mussten sich erst Stück für Stück durchsetzen.

Gesundheit oder Krankheit wurden zwar nicht mehr als selbstverständlich hingenommen, aber Kuren blieben insbesondere Wohlhabenden vorbehalten. Sie erhofften sich auf Kur, Abhilfe gegen zeittypische Krankheiten. Auch unter den gut situierten Schichten rief beispielsweise in den Wintermonaten die einseitige Ernährung Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts hervor. Rheumatische Beschwerden waren ebenfalls verbreitet. Eine Kur- oder Bäderreise glich damals im besten Falle einem gesellschaftlichen Ereignis. Neben einem wissenschaftlich nachgewiesenen Heilerfolg sollte der Kurort ein angenehmes Klima und ein vergnügliches Ambiente zu bieten haben. Im Gegenzug sollten die wohlhabenden Kurgäste Geld in die Stadt bringen und Arbeitsplätze schaffen.

"Bis jetzt gefällt es mir hier recht gut. Das Essen ist nicht schlecht, es gibt am Tag fünf Mahlzeiten. Wir wohnen am Waldrand inmitten eines schönen Kurparks. Jeden Abend ist Kino. Wenn das Wetter so bleibt, kann man es hier aushalten." Jochen schickte seine "recht herzlichen Grüße aus dem Sanatorium Lindau" an die Familie nach Sachsen. Das Foto seiner Postkarte hatte er mit einem Pfeil versehen, damit die Lieben im Erzgebirge sich genauer vorstellen konnten, wo sein Zimmer lag, nämlich auf der Rückseite des Hauses 2.

(wird am Donnerstag fortgesetzt)

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