Familienfreundlichkeit ist gefragt – unter diesem Motto sucht der Kreis Anhalt-Bitterfeld Unternehmen, die es ihren Mitarbeitern ermöglichen, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen. Bewerbungen sind bis Ende Juli möglich.

Zerbst (am/mz/wkl). Beruf oder Familie? Auch im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gibt es Unternehmen, die ihren Beschäftigten die Beantwortung dieser Frage so erleichtern, dass das Wörtchen "oder" von Anfang an wegfällt. "Beruf und Familie" heißt es zum Beispiel beim Kranbau Köthen GmbH, der Partheil GmbH Zerbst, dem E-Center Bobbau und der Steuerberatungsgesellschaft Schmidt & Partner GmbH Zerbst. Sie wurden 2008 als "Familienfreundliches Unternehmen im Landkreis Anhalt-Bitterfeld" geehrt.

Die Steuerberatungsgesellschaft Schmidt&Partner in Zerbst ist mit neun Beschäftigten ein Kleinunternehmen, sieben sind Frauen. Kanzleileiterin Christiane Schwenke, die selbst Mutter eines kleinen Jungen ist, schilderte, wie junge Muttis mittels flexibler Arbeitszeiten sowie der Heim- und Telearbeit es schaffen, den Beruf und die Kinderbetreuung zu vereinbaren. Damit sind sie weiter für das Unternehmen beschäftigt, die Mandanten brauchen sich nicht auf neue Betreuerinnen umzustellen.

"Gute Fachkräfte zu finden, ist übrigens immer schwieriger", so die Kanzleileiterin. Durch die Familienfreundlichkeit lassen sich die Beschäftigten gern an das Unternehmen binden. "Wir zahlen einen Zuschuss für die Fahrten zur Arbeit und zurück, wir übernehmen die Kosten für die Kita-Betreuung", nannte Frau Schwenke weitere soziale Aspekte. Gegenwärtig werde überlegt, wie das Unternehmen bei der Betreuung alter und kranker Familienangehöriger helfen könne - unter Einbeziehung von Service-Firmen.

Auch in diesem Jahr können Firmen aus dem Kreis am Familienfreundlichkeitswettbewerb teilnehmen. Das Startzeichen dazu gaben Vertreter der Kreisverwaltung, der Kreishandwerkschaften Anhalt-Bitterfeld und Anhalt-Bernburg/Köthen sowie der IHK Halle-Dessau die Ziele sowie das Prozedere des Wettbewerbs. Sie gehören auch der insgesamt achtköpfigen Jury an, die die Preisträger ermitteln wird. Der Schirmherr der Aktion ist Landrat Uwe Schulze (CDU).

Ursula Böttge, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Anhalt-Bitterfeld, betonte die Hintergründe des Wettbewerbs, indem sie zuerst auf die ungünstige demografische Entwicklung in Sachsen-Anhalt verwies. "Das Land entwickelt sich zum Altenhaus Europas", bemerkte sie. Eine familienfreundliche Politik in den Unternehmen sei ein Mittel gegen diesen Trend.

Andererseits bringe Familienfreundlichkeit auch positive Effekte für die Unternehmen selbst. "Familienbewusste Maßnahmen steigern die Motivation der Beschäftigten sowie deren Kreativität", so Frau Böttge. Unternehmen, die familienfreundlich sind, binden so ihre Mitarbeiter und haben einen entsprechenden Ruf nach draußen. Dies sei wichtig angesichts des sich anbahnenden Mangels an geeigneten Arbeitskräften.

Brigit Koschel, Projektleiterin am IHK-Bildungszentrum Halle-Dessau, erinnerte daran, dass noch vor einigen Jahren jene, die von Familienfreundlichkeit in Unternehmen sprachen, nur belächelt wurden. "Heute jedoch ist Familienfreundlichkeit ein Wettbewerbsfaktor", sagte sie.

Die Bewerbung für den Wettbewerb 2010 "Familienfreundliches Unternehmen im Landkreis Anhalt-Bitterfeld" ist bis zum 31. Juli möglich. Firmen, die sich beteiligen wollen, müssen einen Fragebogen ausfüllen mit Angaben unter anderem zur Anzahl der Beschäftigten, zu den Urlaubsregelungen, zu Freistellungsmöglichkeiten für die Betreuung von Familienangehörigen und zu gesundheitsfördernden Maßnahmen. Die Fragebögen können im Internet heruntergeladen werden. Öffentliche Verwaltungen sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

Nach einer Erstbewertung der Anträge plant die Jury für die erste September-Hälfte Besuche in den jeweiligen Unternehmen, wobei auch mit Vertretern der Belegschaften gesprochen werden soll. Im November werden die Preisträger ausgezeichnet. Neben einer Urkunde des Landrates und dem Ehrentitel "Familienfreundliches Unternehmen im Landkreis Anhalt-Bitterfeld" – Wettbewerb 2010 gibt es einen individuellen Preis vom Familienbündnis Anhalt-Bitterfeld. Ursula Böttge appellierte an die Unternehmen nachzudenken, wie familienfreundlich sie sind. "Manche entdecken dabei, dass sie gar nicht so schlecht dastehen, und beteiligen sich vielleicht am Wettbewerb", meinte Gudrun Loebe, stellvertretende Geschäftsstellenleiterin der IHK Halle-Dessau.

"Auch Handwerksbetriebe sollten sich beteiligen", rief Sylvia Richter, Geschäftsführerin der Kreishandwerkschaft Anhalt-Bernburg/Köthen, auf. "Gerade in den handwerklichen Klein- und Kleinstbetrieben wird Familienfreundlichkeit von Anfang an groß geschrieben", meinte auch Carmen Bau, Geschäftsführerin der Kreishandwerkschaft Anhalt-Bitterfeld. Dort sei der Abstand zwischen dem Chef und den Mitarbeitern sehr gering, Teamarbeit sei gefragt.

Die Jury ist sich im Klaren, dass nicht alle Firmen im Kreis sich am Wettbewerb beteiligen werden. "Das wäre vielleicht auch zu viel", so Frau Böttge. Sie hoffe jedoch, dass der Wettbewerb auch die Nichtteilnehmer dazu anregt, darüber nachzudenken, wie familienfreund- lich sie sind. "Bei Familien- freundlichkeit geht es übrigens nicht nur um Frauen, sondern auch um Männer", betonte die Gleichstellungsbeauftragte.

www.anhalt-bitterfeld.de www.familien-in-anhalt-bitterfeld.de

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