"Meine zwei Geschwister waren an diesem Tag bei unserer Oma an der Neustädter Straße. Unser Vater war bei der Handelsmarine, die Mutter war zu ihm in den Hafen gereist. Als abends beim Baden gerade meine Schwester in der Wanne war, hieß es: Alarm! Wir wussten, bis zum Luftangriff blieben nur wenige Minuten. Unsere Oma sagte: Schnell, schnell, schnell, lauf zum Ufa-Theater, nimm deinen Bruder mit.

Dort an der Storchstraße befand sich ein öffentlicher Luftschutzraum. Als wir kurz davor waren, war es taghell durch die ,Christbäume\', abgeworfene Leuchtfeuer. Dann fiel schon die erste Sprengbombe. Wir fielen die Treppe zum Keller herunter und wurden noch reingelassen. Es war ein alter Gewölbekeller, lang und schmal. Da saßen so 50 bis 60 Personen, vor allem Frauen, Kinder, Ältere, ein paar Soldaten. Großes Geschrei und Weinen.

Der Ausgang wurde von Trümmern verschüttet, da kamen wir nicht mehr raus. Wir mussten warten, es kam uns unendlich lange vor. Aber es gab Verbindungen zu angrenzenden Kellern. Die Durchgänge waren vermauert, aber mit einer Spitzhacke konnten die eingeschlagen werden. Dann liefen wir über Treppen hinauf und hinab von Keller zu Keller. Irgendwann kamen wir weit ab an der Neustädter Straße raus. Alles brannte, Balken stürzten herunter. Nun hieß es: Raus aus der brennenden Stadt!

Wir liefen zum Haus unserer Oma, aber da war keiner. Es stand in Flammen. Ich fühlte mich von allen verlassen und für meinen kleinen Bruder verantwortlich. Wir liefen wie viele andere Richtung Elbe, dann hinüber zu den Kasernen, wo heute das Finanzamt ist. Dort schliefen wir. Am nächsten Tag auf der Straße trafen wir endlich unsere Oma und unsere Schwester wieder. Sie hatten sich in einen anderen Luftschutzkeller retten können. Nach einem Aufenthalt bei Verwandten zogen wir in ein Ausweichquartier bei Schönebeck. Dort trafen wir unsere Eltern wieder. Die Freude war groß, dass wir überlebt hatten." (Aufgeschrieben von Robert Richter)