Mit 15,5 Prozent der Stimmen wählten die Volksstimme-Leser Rüdiger Hartewig und Reiner Riegg auf den zweiten Platz bei der Wahl zum Magdeburger des Jahres 2013. Beide haben als Gründungsmitglieder des Vereins Technische Denkmale in Sachsen-Anhalt sieben lange Jahre für den Erhalt des Hebewerks Rothensee gekämpft. Mit Erfolg. Redakteurin Jana Wiehe hielt die Laudatio.

Magdeburg l +++ Trauer bei den Fans: Um 18.40 Uhr senkte sich das Hebewerk in Rothensee zum letzten Mal +++ Aus für 68 Jahre altes technisches Denkmal +++ Krisengipfel zum Hebewerk +++ Förderverein Technische Denkmale in Sachsen-Anhalt gegründet; Verein erwartet Elbestädter zu Protestkundgebungen +++ Wieder Verhandlungen in Berlin; geplante Eröffnung in letzter Minute abgesagt. +++ Neue Hoffnung: Magdeburg pachtet sein Hebewerk bis 2022; Nutzungsvereinbarung bringt den Durchbruch +++ Magdeburger feiern ein Fest der Freude zur Wiedereröffnung +++

Das alles sind Schlagzeilen aus 7 Jahren Volksstimme-Berichterstattung. Genauso lange dauerte der Kampf um die Rettung des Schiffshebewerkes in Rothensee nach der Stilllegung im Januar 2006.

Mit der Eröffnung der neuen Doppelsparschleuse gleich nebenan hatte die alte Dame Schiffshebewerk aus Sicht der Berliner Bürokraten ausgedient... Doch es regte sich schnell Widerstand. Beflügelt durch eine breite Welle des Protestes in der Öffentlichkeit; getragen von einer seltenen Allianz aus Politikern über Partei- und Gemeindegrenzen hinweg. Ich erinnere mich noch gut an den Aktionstag Mitte Juni 2006, knapp ein halbes Jahr nach der offiziellen Stilllegung. Hunderte Hebewerkfans waren nach Rothensee gekommen und hatten eine Menschenkette rund um den stählernen Riesen gebildet.

Zu den Protestlern gehörten auch diese beiden Männer: Rüdiger Hartewig und Reiner Riegg, für die das Schiffshebewerk aus dem Jahr 1938 - wie für viele andere Magdeburger - ein Stück Identität geworden ist. "So wichtig diese Aktionen am Anfang waren. Es reichte nicht, nur lauten Protest zu üben. Wir mussten Argumente liefern. Gute Argumente, überzeugende Zahlen und ein Konzept, wie das Schiffshebewerk neben der neuen Schleuse weiterbetrieben werden kann", erinnern sich Reiner Riegg und Rüdiger Hartewig an die damalige Situation.

Beide sind sie Magdeburger Urgesteine, übernahmen in der Stadt Verantwortung als Unternehmer. "Wir Elbestädter konnten uns dieses einmalige Denkmal nicht einfach wegnehmen lassen", sagen sie daher bestimmt.

Aus der anfänglichen Ohnmacht wurde schnell Entschlossenheit. Reiner Riegg und Rüdiger Hartewig holten weitere Experten, die beruflich mit dem Hebewerk zu tun hatten oder aus Interesse eng damit verbunden waren, an einen Tisch.

Die Gründung des Fördervereins Technische Denkmale in Sachsen-Anhalt e. V. markierte den Scheidepunkt. Der Verein mit Riegg und Hartewig als Gründungsväter sollte zur tragenden Säule des Jahre andauernden Kampfes um die Rettung des Hebewerkes werden. Denn der Verein mit seinem Fachbeirat lieferte die Fakten, die gebraucht wurden, um eine Zukunft aufzuzeigen: Was würde der saisonale Weiterbetrieb für die Freizeit- und Sportboote sowie die Fahrgastschifffahrt kosten? Wer kann ihn übernehmen? Wie hoch ist der technische Aufwand für die Wiederinbetriebnahme? Die alte Dame rostete mit den Jahren zunehmend vor sich hin...

Viele Fragen, auf die der Verein immer wieder Antworten suchte. Etliche Ideen wurden verworfen oder von den Berliner Bürokraten vom Tisch gewischt.

"Denen war es völlig schnuppe, was aus dem Magdeburger Hebewerk wird", ist Reiner Riegg überzeugt. "Wir haben das bei unseren vielen Besuchen in Berlin deutlich zu spüren bekommen", erzählt der 75-Jährige, der sich über die Gleichgültigkeit im Berliner Ministerium noch heute maßlos ärgern könnte. Aber das hat den Kampfgeist eher noch beflügelt. Der Verein ließ nicht locker. Im Bunde mit der Stadtverwaltung, bei der sich OB Trümper persönlich mit einer eigens gegründeten Projektgruppe für das Hebewerk ins Zeug legte, gelang es, die Mission Hebewerk am Laufen zu halten - trotz vieler Rückschläge, gebrochener Zusagen und geplatzter Hoffnungen in all diesen Jahren.

"Lasst doch gut sein! Das schafft ihr nie!" Reiner Riegg, Rüdiger Hartewig und einige andere Unerschrockene hörten das so manches Mal aus den Reihen der Skeptiker, von denen es leider immer mehr gab. Dann warfen auch noch etliche Vereinsmitglieder hin. "Bei der Gründung waren wir um die 50 Leute, irgendwann nur noch zu viert", erinnert sich Reiner Riegg.

Aber, so sagen Riegg und sein Weggefährte Hartewig, heute Vorstand bzw. Sprecher des Vereins, - "der Rückhalt in der Bevölkerung, die Hilfe von so vielen Seiten, das hat uns die nötige Kraft gegeben." Sagenhafte 56000 Unterschriften (!), dazu die Unterstützung von Landespolitikern, Landräten und Bürgermeistern aus dem Umland (sie waren letztlich auch bereit, finanzielle Verpflichtungen für den Weiterbetrieb zu übernehmen) oder jene, die im Kleinen wirkten - etwa die Vertreter der Urania, die mit Vorträgen und Besuchen vor Ort das Thema im öffentlichen Bewusstsein hielten. Sie alle, so betonen Riegg und Hartewig, haben Anteil daran, dass dieses zähe Ringen nicht doch irgendwann zum Stillstand führte. Und - natürlich ist es auch ihr ganz persönlicher Verdienst, dass das scheinbar Unmögliche doch noch gelang. Reiner Riegg, ein Mann klarer Worte, einer, der energisch sein Ziel verfolgt. Der sich seit Jahren für diese Stadt engagiert und etwa mit der Erfindung der Riesensparbüchse für die Johanniskirche aufhorchen ließ. Und Rüdiger Hartewig, als Projektmanager schon von Berufs wegen darin geübt, mit Widerständen und Problemen fertig zu werden.

Es war die richtige Mischung an der Spitze des Vereins mit Menschen, die es nicht zulassen konnten und wollten, dass das Schiffshebewerk in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

Das Rothenseer Hebewerk - es ist ein einzigartiges Denkmal, dessen Funktionsweise auf einer genial einfachen Idee beruht - der des Auftriebs. Zwei gewaltige, nur mit Luft gefüllte Schwimmer erlauben das Heben und Senken in Minutenschnelle. Dabei wird kaum Strom verbraucht. Eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Um die 60 Meter tiefen Schwimmerschächte anzulegen, mussten sich die Arbeiter aus Magdeburg seinerzeit mit Spitzhacke und Schaufel in den gefrorenen Boden graben.

"Heute noch stehen die Menschen staunend vor den riesigen Spindeln. Es herrscht ein großes Oh und Ah, wenn sich die Tore öffnen und den Blick in die Landschaft freigeben. Dieses Erlebnis, noch dazu mit dem Heben und Senken, hat man nur in dem alten Hebewerk", schwärmt Ralf Kurth von der Weißen Flotte Magdeburg in einem Gespräch mit mir.

Bei den Ausflügen mit den Fahrgastschiffen ist die Durchfahrt durch den Fahrstuhl eine der größten Attraktionen. Schon jetzt steht fast zweimal täglich die Große Acht mit dem Hebewerk auf dem Programm für die neue Saison 2014. Und auch die Sportschifffahrt und Wasserwanderer z.B. aus Brandenburg profitieren. Denn für die kleinen Boote ist die Nutzung der neuen Schleuse nebenan nur in Ausnahmefällen möglich.

Der Rothenseer Schiffsfahrstuhl ist eben nicht nur ein Denkmal oder gut für persönliche Erinnerungen. "Er ist ein Touristenmagnet. Ein Alleinstellungsmerkmal für die Stadt", betonen Reiner Riegg und Rüdiger Hartewig. So waren es in der Summe viele gute Gründe, weshalb sie so sehr für das Schiffshebewerk kämpften und sich auch weiterhin im Ehrenamt dafür engagieren werden.

Weiße-Flotte-Koordinator Ralf Kurth ist - wen wundert\'s - heilfroh, dass es doch noch geklappt hat mit der Rettung. "Ich ziehe den Hut vor dem Engagement dieser Männer", betont er. Ich möge das ruhig laut sagen, was ich hiermit gern tue!

Den Hut gezogen vor dieser Leistung haben aber auch viele Leser der Volksstimme und wählten deshalb Rüdiger Hartewig und Reiner Riegg mit ihrem Verein Technische Denkmale auf den 2. Platz bei unserer Wahl.

"Die Wanne ist voll!" Tausende Magdeburger feiern die Wiederauferstehung eines Denkmals - dies war schlussendlich die erlösende Schlagzeile im August 2013 zum Schiffshebewerk.

Ich denke, wenn die alte Dame da draußen in Rothensee eine Stimme hätte, dann würde sie heute Abend sagen:

"Habt Dank, ihr Magdeburger! Habt Dank, Rüdiger Hartewig und Reiner Riegg! Menschen wie euch braucht diese Stadt!"

Herzlichen Glückwunsch an zwei großartige Kämpfer!