Geschichtsunterricht praktisch gibt es seit Jahren rund um den 16. Januar am Hochhaus in der Jakobstraße zu erleben. Harri Grieser hatte hier beim Bombenangriff am 16. Januar 1945 Nachbarn und Freunde verloren. Am Sonntag legte er dort Blumen nieder - wie schon seit Jahren.

Altstadt l Dort, wo sich das größte Innenstadthochhaus an der Jakobstraße gen Himmel reckt, gab es einst eine dichte Wohnbebauung. Magdeburgs Altstadt trug damals noch zu Recht ihren Namen, bis sie bei einem Bombenangriff alliierter Flugzeuge am 16. Januar 1945 in Schutt und Asche gelegt wurde. Mittendrin lebte Harri Grieser. Damals 12 Jahre alt, hatte er in der Bombennacht Glück im Unglück. Er war zufällig in Wellen und überlebte. 23 seiner Mitbewohner im Haus an der damaligen Peterstraße 15 war das Schicksal nicht vergönnt. Sie kamen in einem Gewölbe unter dem Haus ums Leben.

Terrasse bedeckt Gewölbe

Um an diesen dramatischen Tag zu erinnern, legt der Senior seit Jahrzehnten Blumen am ehemaligen Standort des Hauses Peterstraße 15 nieder. Noch immer gibt es hier das mittelalterliche Gewölbe, in dem seine Nachbarn Schutz gesucht hatten. Heute ist das Gelände eingezäunt und von einer Holzterrasse bedeckt. Als Erinnerung an die Toten und als Mahnung für die Lebenden hatte die Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) 2010 einen Gedenkstein aufstellen lassen, an dem am Sonntag Anwohner und Harri Grieser sichtlich gerührt Blumen niederlegten, darunter Bernd Rosenburg. Als Magdeburger, Stadtführer und Vertreter der GWA Altstadt sprach er kurze Worte des Gedenkens und erzählte aus seinem Leben. "Ich wohnte damals in der Blauebeilstraße und hatte ebenfalls viel Glück."

Auch die Wobau hatte mit Matthias Schenk einen Vertreter zur Feierstunde entsandt. Er konnte sogar Hoffnung machen, dass die Stelle künftig noch eindrucksvoller an das Geschehen erinnert.

Wobau prüft Freilegung

Der mittelalterliche Hohlraum, der im Zweiten Weltkrieg auch als Schutzkeller diente, ist immer noch vorhanden. Ein kleiner Luftschacht weist noch heute darauf hin. Ob es tatsächlich zu einer Freilegung und Begehbarkeit kommen wird, ist unklar, aber nicht ausgeschlossen. Matthias Schenk konnte nur so viel sagen: "Wir werden das prüfen." Die Anwohner jedenfalls würden sich wünschen, dass 2015 zum 70. Jahrestag der schrecklichen Ereignisse das Gewölbe begehbar wird. Es könnte dann beispielsweise auch in Stadtführungen einbezogen werden, um klar zu machen, was an diesem historischen Ort einmal passiert ist. Der lebendige Geschichtsunterricht bliebe dann nicht mehr wie jetzt auf den einen Tag rund um den 16. Januar beschränkt.

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