Magdeburg l "Ich hatte Zeit und wollte einfach nur helfen", begründet Kevin Timmermann seinen Entschluss, als Fluthelfer aktiv zu sein. Über Fernsehmeldungen ist der 22-Jährige auf den Bedarf an Freiwilligen aufmerksam geworden, die im Hochwassergebiet dringend benötigt würden.

Schließlich setzt er sich in den Zug nach Magdeburg. "Bei der Fahrt habe ich ein Mitglied der Olvenstedter Feuerwehr kennengelernt. Ihn habe ich gefragt, wo ich mich am besten melden kann, um zu helfen. Es ist immer besser, sich einer Truppe anzuschließen, weil sie sich vor Ort am besten auskennt und weiß, welche Aufgaben zu bewältigen sind", weiß Timmermann, der sich als Brandbekämpfer in seinem Heimatort engagiert.

Hauptaufgabengebiet der Olvenstedter Wehr ist die Versorgung der Tausenden Fluthelfer, die an den Deichen Sandsack um Sandsack stapeln und dafür sorgen, dass die immer höher steigende Elbe nicht übertritt. Bis zu 3000 Einsatzkräfte werden pro Schicht mit Mahlzeiten, die am alten Feuerwehrgerätehaus am Hegewiesenweg zubereitet und ausgefahren werden, versorgt. Die Feuerwehrmitglieder, deren Familienangehörige und Unterstützer leisten Akkordarbeit. Und mittendrin der Fluthelfer aus Liebenau.

Nach drei Tagen Dienst direkt am Wasser teilt Olvenstedts Wehrleiterin Annette Siedentopf den Helfer für die Warenannahme und -ausgabe ein, um Feuerwehrfrau Katrin Behrens zu unterstützen. "Ich habe gesehen, dass sie buchstäblich auf dem Zahnfleisch ging. Für jeden Fluthelfer, auch in Olvenstedt, war es eine Ausnahmesituation. Schließlich haben sich Katrin und ich die Aufgaben geteilt", so Timmermann. Drei Räume und drei Kühl-Lkw gilt es zu verwalten, Waren zu prüfen, Bestandslisten zu erstellen und zu aktualisieren, so einige der Aufgaben.

Bis zu acht Tage hintereinander schieben Katrin Behrens und Kevin Timmermann wie ein Großteil der Olvenstedter 20-Stunden-Schichten. Unter anderem beschriften sie in den Nachtstunden Tausende Brötchentüten mit dem Herstellungsdatum, wie dies Vorschrift ist, nehmen Waren an und sorgen für deren Verteilung. "Beide haben sich als schnell eingespieltes Team erwiesen", merkt Annette Siedentopf schmunzelnd an. Aus "K K", wie Katrin Behrens und Kevin Timmermann von den Olvenstedtern schnell getauft werden, wird ein Liebespaar.

Die Ausnahmesituation während der Juni-Wochen schweißt beide zusammen, Gefühle entwickeln sich. Katrin Behrens: "Zwischendurch gab es aufgrund der anstrengenden Arbeit auch mal Stress zwischen uns. Die Anspannung, alles rechtzeitig fertigzubekommen, war enorm. Als sich die Hochwassersituation beruhigt hatte und von allen der Druck etwas abfiel, haben wir uns besser kennengelernt." Und lieben. "Angefangen hat es mit einem Kaffee in der zweiten Woche morgens um 5 Uhr", weiß Kevin Timmermann genau: "Da habe ich ihr einen Kaffee gebracht und wir haben lange erzählt und uns privat ausgetauscht."

Bis zu seinem dreiwöchigen Fluteinsatz in Magdeburg ist er noch nicht in den neuen Bundesländern zu Besuch gewesen. "Hier ist es so, dass man aufeinander zugeht. Ich wurde schnell und herzlich aufgenommen und integriert. In den alten Bundesländern ist diese Menschlichkeit nicht so spürbar, man ist etwas distanzierter", schildert Kevin Timmermann seine Eindrücke und Erfahrungen.

Sein ursprünglich als einmaliger Besuch geplanter Aufenthalt habe sich gelohnt, so der 22-Jährige: "Mein Leben hat sich komplett gewandelt." Denn: In Magdeburg findet der bis dato Arbeitsuchende auf Anhieb eine Anstellung als Servicemonteur im Anlagenbau. "Wir hatten eine Stelle frei, haben also jemanden gesucht. Sein Engagement als Fluthelfer ist beachtlich", so Maria Weigel, Geschäftsführerin von Dr. Weigel Anlagenbau. Es sei heutzutage noch ungewöhnlich, dass es jemanden aus den alten Bundesländern in die neuen ziehe. Eigentlich hat Kevin Timmermann vor, sich zwölf Jahre bei der Bundeswehr zu verpflichten, die Papiere sind schon unterschrieben. Doch dann kommt die Flut, die Arbeit, die Liebe. Fast schon filmreif gibt es sogar noch eine Steigerung - Nachwuchs ist unterwegs. "Unser Familienglück wird bald komplett, dann sind wir zu dritt", sagt Katrin Behrens glücklich.

"Der Zusammenhalt unter den Kameraden während des Hochwassers war super. Auch die Anwohner haben sich unheimlich eingebracht und uns unterstützt. Das war einmalig, auch wenn es erst durch den ernsten Hintergrund des Hochwassers dazu gekommen ist", fasst die 30-Jährige zusammen. Von ihrem Arbeitgeber ist die Supermarkt-Angestellte während des Hochwassers freigestellt worden.

Es gebe viele Gründe, warum man im Rückblick auf die dramatischen Junimonate nicht immer von einem Unglück sprechen könne, ist sich Kevin Timmermann sicher: "Die Solidarität war sehr groß. Menschen aus verschiedenen Regionen haben sich in den Flutgebieten eingefunden, um zu helfen. Besonders Jugendliche haben gezeigt, dass sie sich einbringen und mit anpacken, etwa beim Sandsäckeschleppen während des Hochwassers und beim Aufräumen danach."