Magdeburg l Es ist nicht übertrieben: Für Wolfhard Felsch liegen Teile seiner familiären und heimatlichen Wurzeln in der Kleingartensparte "Hopfengarten". "Mein Großvater hat seinen Garten an meinen Vater weitergegeben. Ich hätte diesen Garten mit Sicherheit übernommen, das hat mir aber zu lange gedauert. Ich habe mir dann einen eigenen Garten in unserer Sparte besorgt. Den Garten meines Vaters führt meine Schwester weiter. Und meinen Garten sollte mein Sohn übernehmen."

Die Parzelle von Familie Felsch ist ihr Sommer-Refugium. "Von Mai bis September sind wir eigentlich jeden Tag im Garten - seit 31 Jahren", erzählt Evelin Felsch, die im Vorstand der Gartensparte Schriftführerin ist. Obst und Gemüse wird angebaut, es gibt einen Gartenteich, die Laube ist gemütlich eingerichtet - hier lässt es sich im Sommer gut leben. Alles ist selbst gebaut und gezimmert. "Ich habe im vergangenen Jahr erst einen neuen Dachbalken eingezogen, der alte war morsch. 1500 Euro", sagt Wolfhard Felsch.

Die meisten Gartennachbarn der Felschs sind in ihrem Alter, man kennt sich seit vielen Jahren. "Wir freuen uns aber auch, dass es immer mehr junge Leute gibt, die sich für unsere Sparte interessieren", sagt Gartenfreund Felsch, der sichtbar immer wieder die Faust in seiner Jackentasche zu ballen scheint. Denn, wenn das passiert, was alle an diesem Vormittag fürchten, dann wird es in diesem Jahr der letzte Sommer sein, den Familie Felsch in ihrem Garten verbringen kann. Die Gärten sollen einer Straße weichen, die Kündigung der Parzelle haben sie am vergangenen Sonntag von der Stadt in den Briefkasten gesteckt bekommen.

Aus der Volksstimme erfahren

"Ich habe davon zum ersten Mal aus der Volksstimme vor 14 Tagen erfahren. Ich dachte: Das kann doch nicht sein, das ist doch unser Garten", sagt Evelin Felsch. "Es hat uns vorher niemand etwas gesagt."

49 Parzellen der Gartensparte "Am Hopfengarten 1939 e.V." sollen eingeebnet werden, damit dort eine sogenannte Werkstraße gebaut werden kann (Volksstimme berichtete). Das wäre rund ein Drittel der Gartensparte. Der entsprechende Bebauungsplan wurde in der Januar-Sitzung vom Stadtrat beschlossen. Darum haben die betroffenen Gartenfreunde auch ihre Kündigungen bekommen - und wollen diese nicht widerstandslos hinnehmen. Evelin und Wolfhard Felsch haben für alle Betroffenen Muster für Widersprüche ausgedruckt. "Wir werden die Widersprüche dem Stadtkämmerer, dem Oberbürgermeister und dem Stadtgartenverband persönlich übergeben", sagt Wolfhard Felsch. Wer von den anderen Betroffenen kann, will es ebenso machen. "Aber denkt an die Widerspruchsfrist", mahnt Wolfhard Felsch.

Er und seine Gartenfreunde sind nicht nur wütend über die Sache an sich, sondern auch darüber, wie sie davon erfahren haben. Niemand habe sie gewarnt. "Vor einem Jahr waren Vermessungsleute bei uns in der Sparte. Wir haben bei der Stadt nachgefragt, was das soll."

Nur Routinearbeiten

Die Stadt antwortete schriftlich und sprach von Routinearbeiten. Die Stadtkarten sollten auf dem Laufenden gehalten werden, um besser planen zu können. Die Stadt beschäftige sich grundsätzlich mit der Untersuchung von neuen Verkehrstrassen, die Vermessung der Gartensparte habe aber "nicht unmittelbar" etwas damit zu tun. Datum des Briefs: 14. Mai 2013. "Da wussten die doch schon Bescheid", schimpft ein Betroffener.

Für die Gartenfreunde ist auch nicht nachvollziehbar, dass eine Straße, die niemand brauche, gebaut werden solle. "Schließlich hat das Unternehmen, für das die Straße gebaut werden soll, doch öffentlich erklärt, dass es sie nicht braucht", sagt eine Gartenpächterin.

Auch habe man festgestellt, dass nicht nur für die Straße, sondern noch für einen Park- und Lagerplatz für den Windanlagen-Bauer Enercon Gärten eingeebnet werden sollen. "Und wir sind nach der Wende doch als ,Kleingartenanlage mit Bestandsschutz` eingestuft worden. Gilt das jetzt auf einmal nicht mehr", fragt Wolfhard Felsch.

Kritik am Dachverband

Dass die 49 Gartenpächter möglicherweise entschädigt werden sollen, ist für sie kein Thema. "Wir wollen unsere Gärten behalten", stellt eine Pächterin klar. Von ihrem Dachverband, dem "Magdeburger Verband der Kleingärtner", fühlen sich die Hopfengarten-Pächter etwas im Stich gelassen. "Von da kam nichts, kein Hinweis, keine Stellungnahme", so ein Pächter. Einzig die neue Partei der Kleingärtner verspricht Hilfe.

Partei-Frontmann Roland Zander war gestern vor Ort. Er kennt das Problem, sagt Unterstützung zu. Und kann gleich mehrere ausgefüllte Parteiaufnahmeanträge aus dem Hopfengarten mitnehmen.

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