Magdeburg l Magdeburg braucht eine neue Schule; die Schülerzahlen steigen. Darüber, an welchem Platz sie stehen soll, kann man streiten. Der Oberbürgermeister wollte nicht streiten lassen, sondern den Platzanweiser spielen. Dafür kassierte er die Retourkutsche. Das neue Gymnasium kommt nicht neben das Rathaus, sondern an den Lorenzweg.

Es sind Beschlüsse, wie sie jeder Stadtrat gerne fällt. Wenn Kindergärten oder Schulen neu entstehen, taugt das zu mehr Jubel als die Schließung derselben, wie sie noch vor gut zehn Jahren an der Tagesordnung war. Jetzt platzen nach den Kitas die drei kommunalen Gymnasien (daneben auch die zwei Gesamtschulen) aus den Nähten. Aus einem von Jubel begleiteten rauschenden Schulneubau-Beschluss wurde trotzdem nichts - im Gegenteil.

Alle wollen Schulerbauer sein

Der von der Verwaltung erwünschte Grundsatzbeschluss "Neubau eines Gymnasiums" bei gleichzeitigem Standortentscheid ("im Stadtteil Altstadt/Rathausviertel") verkam zur Schlacht um die Autorenschaft der wirklich wahren Schulbauidee.

Geführt wurde sie in erster Linie zwischen Sozial- und Christdemokraten. Letztere, neben ihnen auch die Liberalen und die Grünen, fühlten sich kurz vor Weihnachten 2013 überrumpelt, als sie aus der Zeitung erfuhren: "Neues Gymnasium soll Rathaus-Nachbar werden". So hatte sich das die Verwaltung alleine, zuvorderst Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD), ausgedacht. Bis in die Ratssitzung vom Donnerstag hallte der Verdruss darüber nach, dass der Rat bei der schönen Sache außen vor gelassen wurde und nun den Erfüllungsgehilfen spielen sollte. Reinhard Stern (CDU): "Diese Drucksache hat eine Schwäche. Für die prägnante Standortentscheidung werden uns keine Varianten vorgeschlagen. Deshalb haben wir uns das Recht herausgenommen, solche vorzubringen." Schon im Januar hatten CDU, FDP und Grüne diverse neue Standorte (Uniplatz, Altstadtkrankenhaus, ehemaliger Busbahnhof Bahnhofstraße) ins Spiel gebracht. Kurz vor Ultimo - zur Bauausschusssitzung Mitte Februar - trumpfte die CDU mit der Lorenzweg-Idee auf. Dort stehen drei Schulen (DDR-Bautyp Erfurt) nebeneinander und fast leer. Eigentlich war Abriss und Neubebauung mit Einfamilienhäusern geplant. Lutz Trümper: "Das haben Sie hier am 18. Oktober 2009 so beschlossen." Trümper räumte ein, dass die Einrichtung eines Gymnasiums im Schulkomplex am Lorenzweg unproblematisch und wohl preiswerter wäre. Dennoch warf er sich für seine Vision vom repräsentativen Neubau am Rathaus in die Bresche: "Ich finde, es steht uns als Landeshauptstadt gut zu Gesicht, mal etwas Zeitgemäßes zu bauen und nicht die nächsten 50 Jahre den ,Typ Erfurt` zu sanieren!" Sein Parteifreund Burkhard Lischka eiferte ihm mit großer Geste nach: "Früher war es üblich, Schulen als Kathedralen der Bildung mitten in den Städten zu errichten. Das ist heute leider unüblich. Die Zentren werden von Shopping-Centern und Büros dominiert. Eine neue Bildungskathedrale mitten in der Stadt wäre schon großartig."

Jubelnde und Zornige

"Wir brauchen keinen Neubau, um die Botschaft zu transportieren, wie wichtig uns Bildung ist. Wir brauchen eine neue Schule", konterte FDP-Mann Helmut Hörold. Wigbert Schwenke (CDU), aber auch Mario Grünewald (Linke) betonten die Nachteile des Innenstadtstandortes (begrenzte Außenfläche, unkalkulierbare Kosten). Olaf Meister meldete für die Grünen Bedenken an, dass eine Schule die Innenstadt belebt: "Nach Schulschluss und an Wochenenden werden die Fußwege hochgeklappt."

Am Ende siegt knapp die CDU mit der Lorenzweg-Idee. 24 Räte (CDU, FDP, future!, zwei Linke und ein Grüner) stimmen dafür; nur 21 (SPD, Linke) versammeln sich hinter dem Innenstadt-Bau. Die CDU jubelt wie nach einem haushohen Wahlsieg. Trümper sitzt mit versteinerter Miene da. Lischka postet via Facebook sinngemäß, dass die bösen Verhinderer des Innenstadtgymnasiums seinen Zorn im Wahlkampf zu spüren bekommen sollen. Wie auch immer.