Magdeburg. Christiane Bruns ist seit Ende des vergangenen Jahres Direktorin der Universitätsklinik für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie Magdeburg. Damit hat sie die Nachfolge von Hans Lippert angetreten. Die Volksstimme sprach mit ihr über Magdeburg, ihre Forschung und Männerdomänen in der Forschung.

Volksstimme: Waren Sie vor Ihrer Berufung schon einmal in Magdeburg?
Christiane Bruns: Beruflich war ich einmal in Magdeburg. Ich kann mich noch daran erinnern, dass es ein sehr, sehr kalter Winter war. Es war so kalt, dass in meinem Zimmer die Heizung eingefroren war. Ich war aber davor in Bergen/Norwegen. Dort hatte ich eine Norwegerdecke als Geschenk für einen Vortrag über meine Forschung erhalten. In meinem Magdeburger Hotelzimmer war ich sehr glücklich, dass ich diese dabei hatte (lacht).

Die Universität spielt eine herausragende Rolle


Volksstimme: Sie waren vor Magdeburg in München. Seit wann sind Sie in der Stadt und wie sind Ihre ersten Eindrücke?
Christiane Bruns: Ich bin seit Anfang November vergangenen Jahres in der Stadt. Man hatte mir gesagt, es sei ein Kulturschock, wenn man von München nach Magdeburg wechselt. Dem ist nicht so. Ich habe sehr viele freundliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt. Meiner Meinung nach ist Magdeburg gerade im Umbruch. Es kommen viele junge Menschen. Die Universität spielt eine herausragende Rolle. Und Magdeburg ist eine sehr grüne Stadt.

Volksstimme: Wo wohnen Sie?
Christiane Bruns: Ich wohne in Kliniknähe in einer sehr schönen Wohnung, die ich in dieser Lage in München wahrscheinlich nie gefunden hätte. Ein bisschen erinnert mich Magdeburg von der Atmosphäre an Teile von Berlin.

Volksstimme: Sie waren unter anderem in den USA, Hong Kong und Kanada. Warum haben Sie sich für eine wissenschaftliche Karriere in Deutschland entschieden?
Christiane Bruns: Ich muss zugeben, dass ich zwischenzeitlich geschwankt habe. Im Rahmen meiner chirurgischen Ausbildung war ich zwei Jahre in einer international bekannten Krebsklinik (MD Anderson Cancer Center) in Houston, Texas. Dort habe ich mich mit Krebsforschung beschäftigt, speziell mit Bauchspeichel- und Speiseröhrenkrebs. Während dieser Zeit habe ich eigentlich nur im Labor gearbeitet. Ich war natürlich an die Klinik angebunden und hatte mich darum bemüht, dort vielleicht eine Position zu bekommen. Nun ist es aber leider so, dass für einen Europäer, der die klinische Ausbildung schon absolviert hat, diese in den USA nicht zählt. Ich hätte also von vorne anfangen müssen. Nach vielen Gesprächen ist mir dann immer klarer geworden, dass die Ausbildung in Europa und speziell in Deutschland wirklich hervorragend ist. So bin ich nicht dort geblieben.

Behandlung von Pankreaskarzinomen gehört zu den Königsdisziplinen


Volksstimme: Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist die Krebs- und Transplantationschirurgie?
Christiane Bruns: Das hat sich eindeutig aus meinem Forschungsschwerpunkt in den USA entwickelt. Die Behandlung von Pankreaskarzinomen gehört zu den Königsdisziplinen der Chirurgie. Die Transplantationschirurgie ist sozusagen die chirurgische Endstufe.

Volksstimme: Ihr Ziel sind individualisierte Therapieansätze. Was muss man sich darunter vorstellen?
Christiane Bruns: Die Aufgabe einer Universitätsklinik ist es, einen Therapiestandard zu entwickeln. Dieser Standard wird dann gelehrt und quasi an die Peripherie weitergegeben. Nun ist aber, gerade in der onkologischen Chirurgie, jeder Patient individuell. Jeder Tumor ist auch individuell. Und da ist es ja nur verständlich, dass wir Mediziner versuchen, für jeden Patienten eine maßgeschneiderte Behandlung über den Therapiestandard hinaus zu entwickeln.

Diagnostik in bestimmten Bereichen deutlich besser geworden


Volksstimme: Die Zahl der Krebserkrankungen ist rasant gestiegen. Worauf führen Sie das zurück?
Christiane Bruns: Ich glaube, dass die Diagnostik in bestimmten Bereichen deutlich besser geworden ist. Auch die Aufklärung hat sich spürbar verändert. Die Leute gehen früher zum Arzt. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass Krebskranke mit verschiedensten Therapien wesentlich länger leben als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Früher sind Patienten viel schneller verstorben. Heute sehen wir Patienten teilweise drei- bis viermal im Krankenhaus - und das über einen sehr langen Zeitraum.

Volksstimme: Ab wann wird Krebs heilbar sein?
Christiane Bruns: Es gibt schon jetzt einzelne Krebstypen und dazu passende Behandlungen, die das Leid der Betroffenen so substanziell gemildert haben, dass man fast von Heilung sprechen kann. Wir müssen dahin kommen, dass wir trotz Krebs ein sehr langes Überleben garantieren können. Krebs ist in meinen Augen eine Systemerkrankung, die immer bleiben wird. Das kann man mit Diabetes vergleichen. Mit Diabetes kann man mittlerweile lange weitgehend beschwerdefrei leben.

Volksstimme: Ihr Vorgänger, Prof. Hans Lippert, ist weiterhin Leiter des An-Institutes. Gemeinsam arbeiten Sie unter anderem an der Erstellung einer Gewebedatenbank. Was ist das?
Christiane Bruns: Die Hauptaufgabe des An-Institutes ist die Qualitätssicherung. Wir haben darüber hinaus die Idee gehabt, diese Qualitätssicherung mit einer Gewebebank in der onkologischen Chirurgie weiterzuentwickeln. Hier können wir uns auf die bereits vorhandenen Netzwerke des Institutes stützen. Eine Gewebebank bedeutet, nach Einverständnis der Patienten werden nicht nur ihre klinischen Daten, sondern auch Anteile ihres Gewebes bei einer Operation aufgearbeitet und gesammelt. Diese Gewebeproben stehen zukünftigen akademischen Forschungsprojekten unter anderem zur Erforschung von Krebsentstehung und -behandlung zur Verfügung.

Vertrauen der Menschen zur Organspende-Bereitschaft zurückgewinnen


Volksstimme: In Magdeburg werden seit 1995 Organtransplantationen durchgeführt. Wenn man sich die aktuellen Zahlen anschaut, geht die Organspende-Bereitschaft kontinuierlich zurück. Was kann die Medizin tun, um diesen Trend zu stoppen?
Christiane Bruns: Da kann ich mich nur der Meinung der Bundesärztekammer anschließen. Wir müssen das Vertrauen der Menschen zur Organspende-Bereitschaft zurückgewinnen und maximal transparent arbeiten.

Volksstimme: Sie sind in einer Männerdomäne erfolgreich. Wie sehr ist das für Sie ein Thema?
Christiane Bruns: Ich finde daran nichts Besonderes, wenn eine Frau in einem von Männern dominierten Feld Karriere macht. Natürlich ist das aber eine besondere Rolle und man hat auch eine Vorbildfunktion für viele Medizinstudentinnen, die mittlerweile zu 60 Prozent unsere Hörsäle bevölkern. Über die Thematik an sich habe ich mir aber keine Gedanken gemacht. Denn ich liebe diesen Beruf. Und das ist mir wichtiger als das Gerede um die Rolle von Männern und Frauen. Ich persönlich habe es nicht schwerer gehabt als meine männlichen Kollegen.

Amerikanische Lebensart und der Umgang mit Erfolg sind ganz anders als in Europa


Volksstimme: Wie haben ihre Auslandsaufenthalte diese Sicht beeinflusst?
Christiane Bruns: Auch wenn ich mich für eine Laufbahn in Deutschland entschieden habe, die USA-Station war die beste Entscheidung meines Lebens. Das hat mir viel Vertrauen gegeben. Die amerikanische Lebensart und der Umgang mit Erfolg sind ganz anders als in Europa.

Volksstimme: Was meinen Sie damit?
Christiane Bruns: Ich habe in einem sehr erfolgreichen Labor gearbeitet. Der Laborleiter hatte 30 bis 40 Doktoranden und Biologen. Trotzdem wurde jederzeit die Arbeit eines einzelnen Mitarbeiters gewürdigt. Die mentale Unterstützung und das Ausloben eines Erfolges ist in Amerika wesentlich ausgeprägter als in Deutschland.

Volksstimme: Die Hierarchien sind flacher?
Christiane Bruns: Nein, aber der Stolz eines Arbeitsgruppenleiters auf sein Team ist größer. Die Leistungen jedes einzelnen Teammitglieds werden auf zum Teil sehr überschwängliche Art dargestellt. (lacht) Das ist eine positive und inspirierende Art und Weise, mit Erfolg umzugehen. Das ist in Deutschland nicht so sehr ausgeprägt. Hier gilt noch zu oft: Wer nicht gestraft wird, ist genug gelobt.

Im Internet: www.med.uni-magdeburg.de/kchi