Magdeburg l Ein Mann parkt auf einem Behindertenparkplatz. Als ein Polizist ihm dafür einen Strafzettel ausstellen will, fährt der angetrunkene Magdeburger den Beamten um. Ein Taxifahrer beobachtet die Szene. An einer Kreuzung stellt er den 53-Jährigen und entwendet ihm die Autoschlüssel.

Seit 1980 fährt Romuald Schmidt in Magdeburg Taxi. "Mir fehlt jetzt eigentlich nur noch eine Geburt, dann habe ich alles erlebt", sagt er. Vergangenen Montag wurde er Zeuge einer Straftat - und entschloss sich zu handeln. Einem angetrunkenen Magdeburger, der zuvor einen Polizisten mutwillig angefahren hatte, entwendete er an einer Kreuzung mit einem Griff ins Auto kurzerhand die Autoschlüssel. "Nicht ganz wie beim Tatort, aber fast", sagt Schmidt und muss dabei ein bisschen lachen.

Was war laut Polizei passiert? Montag, 10.30 Uhr, Halberstädter Straße. Ein Streifenpolizist sieht ein Auto, das unberechtigterweise auf einem Behindertenparkplatz steht. Während die Streife einen Strafzettel ausstellt, erscheint der Autobesitzer. Es kommt zum Wortgefecht. Der 53-jährige Magdeburger steigt in sein Auto und setzt zurück, obwohl der Polizist hinter dem Pkw steht. Dieser kann sich durch einen Sprung zur Seite retten und wird "nur" am Knie getroffen. Beim Losfahren macht der Autofahrer noch einen Schwenk, erwischt den Polizisten wieder, dieses Mal mit dem Außenspiegel.

In etwa 60 Metern Entfernung steht Romuald Schmidt mit seinem Taxi und beobachtet die Szene. Als er sieht, dass der flüchtende Mann an einer roten Fußgängerampel halten muss, handelt er. Er steigt aus seinem Taxi, rennt zum Auto des Flüchtenden, reißt die Beifahrertür auf und zieht den Schlüssel aus der Zündung. "Ich hab in dem Moment nicht nachgedacht. Ich habe es einfach getan", sagt Schmidt. Inzwischen hat der verletzte Polizist Verstärkung angefordert. Humpelnd kommt er Taxifahrer Schmidt zu Hilfe, der sich allerhand Beschimpfungen des 53-jährigen Magdeburgers anhören muss. Ein Alkoholtest ergab bei ihm einen Wert von 0,6 Promille.

Er muss sich nun strafrechtlich verantworten wegen fahrlässiger Körperverletzung und des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Der Führerschein ist auch weg. Der Polizist wurde ambulant behandelt, ist krankgeschrieben. Taxifahrer Schmidt soll bald eine Auszeichnung von der Polizei bekommen. "Es ist toll, dass es Menschen gibt, die uns so bei unserer Arbeit unterstützen und so ein Maß an Zivilcourage zeigen", sagt Polizeisprecherin Beatrix Mertens.

Am Tag danach sitzt Schmidt wieder in seinem Taxi. Er hat wie immer Frühschicht. Von 6.30 bis 17 Uhr ist er dann wie viele seiner Kollegen auf den Straßen Magdeburgs unterwegs. "Ist schon verrückt, was man alles so erlebt", sagt er. Schmidt hat selbst schon erfahren, dass Zivilcourage wichtig ist. Er wurde mal von einem aufgebrachten Autofahrer gewürgt, weil er in zweiter Reihe hielt, um einen älteren Fahrgast direkt vor der Haustür abzuladen. Der zornige Autofahrer habe damals nur von ihm abgelassen, weil eine junge Frau dazwischengegangen sei. "Solche Erlebnisse vergisst man nicht", sagt der 59-Jährige. Die einzige Spätschicht, die Schmidt derzeit noch fährt, ist am Sonnabend. 4 Uhr geht es dann los. Eine Zeit, in der das Partyvolk den Heimweg antritt. "Da werden dann Fahrgäste manchmal zu meinen Patienten", sagt Schmidt und muss dabei wieder ein bisschen lachen.

 

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