Magdeburg l Punkt 8 Uhr, Bürgerbüro West in Neu-Olvenstedt. Eine Mitarbeiterin öffnet die Pforte und bittet die acht wartenden Bürger um Nachsicht: "Hier ist heute Warnstreik. Wir arbeiten mit einer Notbesetzung und bitten um etwas mehr Geduld." Die Bürger nehmen es mit einer gewissen Gelassenheit. Sie ziehen die Wartemarken und nehmen auf den Stühlen Platz. Länger als sonst dauert es hier zumindest in den ersten Minuten trotzdem nicht, und der Andrang hält sich in Grenzen. Offenbar haben viele den Streikaufruf schon vorher gelesen und ihren Besuch im Bürgerbüro verschoben.

Auf dem Friedensplatz dröhnt unterdessen aus einem Lautsprecherwagen "Alt wie ein Baum" von den Puhdys. "Alt aussehen" wollen sie mit ihren Forderungen in der nächsten Runde der Tarifverhandlungen jedoch nicht: die etwa 40 Beschäftigten der Stadt Magdeburg und vom kommunalen Versorger Heidewasser GmbH, die sich am kühlen windigen Montagmorgen hier mit den obligatorischen Streikwesten und Trillerpfeifen versammelt haben. Sie demonstrieren unter grauem Himmel für mehr Geld.

Unter "Holger, Holger!"-Rufen klettert Holger Reck, Betriebsratschef von Heidewasser, auf die Bühne, auf dem Kopf eine rote Verdi-Mütze. Er sagt, ihm gehe "der Hut hoch", wenn die Forderungen der Gewerkschaft - 100 Euro Aufschlag für alle Lohngruppen plus zusätzlich 3,5 Prozent mehr Lohn als unrealistisch abgetan würden."Das ist eine Missachtung unserer Arbeit", schimpft Reck ins Mikro. Und der Betriebsratschef legt noch mal nach: "Ich stehe hier vor Menschen, die jeden Tag dazu beitragen, dass dieser Staat funktioniert. Unsere Arbeit wird aber nicht mehr in gebührendem Maße anerkannt." Die Kollegen pusten kräftig in die Trillerpfeifen. "Wir sind es wert", steht auf ihren Plastikwesten.

Einen Steinwurf entfernt läuft unterdessen der Betrieb im Bürgerbüro Mitte ganz normal. In West, Süd und Nord habe es zwischen 8 und 10.30 Uhr Einschränkungen in den Bürgerbüros gegeben, das Büro Ost blieb als einziges komplett dicht, heißt es später aus dem Rathaus; die Ausländerbehörde sei trotz Streikaufrufs gar nicht betroffen gewesen.

Tatsächlich ist nur ein Bruchteil der Magdeburger Stadtbediensteten zur Kundgebung auf den Friedensplatz gekommen: 24 Beschäftigte und zwei Azubis sind es nach Zählung der Stadtverwaltung. "Die Tarifrunde ist eingeläutet, und leider sitzen einige Kollegen immer noch an ihren Arbeitsplätzen und haben den Schuss nicht gehört", poltert Peter Fricke vom Gesamtpersonalrat der Landeshauptstadt auf der Kundgebung los. "Wir erleben wieder, dass die Arbeitgeber ein Ritual aufführen: Sie kommen und haben kein Angebot. Ich habe das satt. Ich würde viel lieber an meinem Arbeitsplatz sitzen und für den Bürger da sein, aber das geht nicht. Ich muss für meine Forderungen einstehen. Dazu rufe ich auch alle anderen auf, die jetzt noch im Büro sitzen", sagt Fricke.

Für diese Forderungen hat Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) jedoch kein Verständnis. Gerade erst sei die letzte Stufe der vereinbarten Lohnsteigerungen aus der zurückliegenden Tarifrunde wirksam geworden und die Einkommen damit seit 2012 in mehreren Schritten um insgesamt 6,5 Prozent gestiegen. "Nun schon wieder mehr Geld zu fordern - je nach Einkommen zwischen 5,5 und 8,5 Prozent - ist einfach unangemessen", sagt Trümper. Die Gewerkschaft verweist auf steigende Einnahmen aus Steuern für die Kommunen. "Das ist zwar richtig, aber Fakt ist auch, dass wir zig Millionen Euro Schulden haben", hält Trümper dagegen. Für die Stadt Magdeburg würden die geforderten Lohnaufschläge nach Trümpers Angaben pro Jahr über 10 Millionen Euro Mehrkosten bedeuten, Eigenbetriebe wie Theater oder Stadtgarten noch nicht eingerechnet. Trümper: "Davon ist kein einziger Euro im Haushalt eingeplant."

Auf dem Friedensplatz spendiert die Gewerkschaft für die Streikenden zum Abschluss warme Getränke und Bockwurst. Am Donnerstag und Freitag steht die nächste Verhandlungsrunde mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber an. Für ein Scheitern droht Verdi mit weiteren Streiks auch in Magdeburg.