Magdeburg l Prachtvoll verzierte Häuserfassaden reihen sich von der Domstraße bis zum Kaiser-Wilhelm-Platz, unten laden die Schaufenster der großen Kaufhäuser und kleinen Cafés zum Bummeln ein. Wer einmal über den Breiten Weg der 1930er Jahre schlendern möchte, kann dies seit August im Kulturhistorischen Museum tun. Dort erweckt die Ausstellung "Der Breite Weg - ein verlorenes Stadtbild" Läden und Architektur aus vergangenen Tagen mit historischen Aufnahmen wieder zum Leben. Doch wie es auf der lebhaften Hauptstraße damals tatsächlich zuging, was man zwischen Fischgroßhandel "Nordsee" und Kaufhaus Horn erleben konnte, das wissen nur noch wenige Magdeburger.

Das Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Erinnerungen weiterzugeben und jüngere Generationen am Geschehen auf Magdeburgs "Broadway" teilhaben zu lassen. Mit Ausstellungsbeginn wurde ein Postkasten eingerichtet, indem seither zu Papier gebrachte Erlebnisse und Anekdoten von Alt-Magdeburgern gesammelt werden. Höchste Zeit, einen Blick hineinzuwerfen! "Ob Alltag oder Ereignis - das Spannendste sind die vielen Facetten der Zusendungen", stellt Freya Paschen fest. Die Pressesprecherin des Museums blättert in dem dicken Ordner, der die eingeschickten Schriftstücke hütet. Es freut sie, dass sich bereits rund ein Dutzend sachkundige Elbstädter die Zeit genommen haben, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Herausgekommen sind Geschichten, die den Leser in ein Magdeburg lange vergangener Tage versetzen - da wird zur Musikalienhandlung Silbermann flaniert, bei "Tanzstunde Meyer" geschaukelt und Meeresgetier von "Fisch-Brockmann" verspeist. Die Berichte handeln von jahrzehntelangen Stammkunden im Friseursalon oder dem "warmen Loch" Café Sachtleben, von wunderbar gestalteten Häuserfronten oder dem Domprediger mit den auffällig dicken Augenbrauen.

Sie erzählen aber ebenso von zersplitterten Fensterscheiben und barschen SA-Männern am Morgen des 10. Novembers 1938, von Fliegeralarm und Trümmern, auf denen mit Kreidebotschaften nach Angehörigen gesucht wird. "Auch all das sind Aspekte der Ausstellung - so hängen am Breiten Weg die Schicksale vieler jüdischer Familien, die damals enteignet wurden", erklärt Paschen. Sollten genug Erinnerungen zusammenkommen, die Magdeburger Perspektiven auf diesen Sachverhalt sichtbar machen, könnten diese in einem eigenständigen Projekt verwertet werden.

Nach Ende der Ausstellung im September will das Museum die Zuschriften jedoch zunächst archivieren. Bis dahin sollen sich im Postkasten noch möglichst viele Geschichten sammeln, die den Breiten Weg auf persönliche oder amüsante Weise aufleben lassen. Diese können auch per Post an Karin Grünwald vom Kulturhistorischen Museum, Otto-von-Guericke-Straße 68-73, 39104 Magdeburg, geschickt werden.

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