Magdeburg l Brigitte Schulz hat ihren Balkon ständig im Blick. Neben ihrer mintgrünen Couch im Wohnzimmer liegt ein Fernglas. Durch dieses visiert sie immer wieder den rechten Pflanzkasten an. Nicht etwa, um ihre Geranien wachsen zu sehen. Vielmehr beobachtet die 61-Jährige eine Stockente, die inmitten ihrer Balkonpflanzen brütet.

Vor drei Jahren sei Bärbel, wie sie die Ente gelegentlich nennt, zum ersten Mal Gast zwischen den Geranien gewesen. "Ich habe mich damals gewundert, woher das große Loch in meinem Pflanzkasten kommt", erinnert sie sich. Es löste sich das Rätsel, als sie eine Ente entdeckte. "Ich dachte, ich werd` nicht mehr. Da saß eine Ente in meinen Blumen."

Seither ist Bärbel Dauergast auf Balkonien. Während sie 2011 nur einmal in die Heydeckstraße kam und lediglich 7 Eier legte, watschelte sie 2012 schon zweimal an; brütete zuerst 14, danach 12 Eier. Im vergangenen Jahr hockte Bärbel ab Anfang April auf 15 Eiern und ab Mitte Juni auf 14. In diesem Jahr flatterte sie bereits am 7. März auf den Balkon. Einen Tag benötigte sie, um das Nest zu bauen. Dann legte sie jeden Tag ein Ei - letztlich 16 an der Zahl.

Wann Bärbel anreist, wie viel Eier sie legt und wie viele Küken schlüpfen - darüber führt Brigitte Schulz Buch. So weiß sie, dass in den vergangenen Jahren 49 Küken auf ihrem Balkon das Licht der Welt erblickten.

Sind sie geschlüpft, haben die Kleinen zwei Tage Zeit, vom Balkon zu springen. In dieser Zeit sei die Verletzungsgefahr nicht so groß, habe sie gelesen. Schließlich befindet sich das Nest in gut fünf Meter Höhe. Normalerweise steht die Entenmutter unten auf dem Fußweg und "ruft" ihre Küken zu sich herunter, die sich dann aus dem Nest stürzen. Liegen jedoch mehr als zwei, drei Tage zwischen Schlüpfen und Springen, sammelt Brigitte Schulz die Kleinen ein und bringt sie samt Entenmutter Bärbel an den Wasserfall im Stadtpark.

Im vergangenen Jahr ist die junge Entenfamilie allein dorthin gewatschelt. Nachbarn haben sie begleitet und ihnen einen sicheren Gang über Schienen und Straße ermöglicht. Ob sie in diesem Jahr springen, ist noch ungewiss. Brigitte Schulz wartet auf das Schlüpfen. Es könnte jeden Moment so weit sein. "Vielleicht werden es echte Osterküken."

Warum Bärbel sich ausgerechnet ihren Balkon ausgesucht hat, weiß Brigitte Schulz nicht. Sie vermutet, dass sie einst am Elbbahnhof ein Nest hatte, von dem sie im Zuge der Erschließung verdrängt worden ist.

Dass die Bärbel auch wirklich Bärbel ist, weiß die Magdeburgerin ganz genau. Sie hat ihr einen rosafarbenen Ring um den Fuß gelegt. So kann sie ihre Ente beim Spazierengehen an der Elbe besuchen.

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