Cracau l Einem frischgebackenen Cracauer Eigenheimbesitzer ging die starke Nutzung eines alten Trampelpfades über öffentliches Grün neben seinem Grundstück gehörig auf die Nerven. Was könnte da besser helfen als ein Zaun? Der steht nun da und die Leute müssen drumherum. Das Thema taugt dennoch zum Grundsatzstreit, findet Jens Rösler. Der SPD-Mann hat in Cracau, also da, wo der Zaun des Anstoßes steht (die Leute gehen schon aus Prinzip nicht gerne drumherum), seinen Wahlbereich. Er nahm sich der Sache an und beantragte im Rat: Der Zaun muss weg. Die Volksstimme berichtete mehrfach über den Streit. Zur Ratssitzung in der Vorwoche erreichte er sein vorläufiges Finale.

Zaungegner Rösler lief zur Hochform auf: "Wollen wir es zulassen, dass jemand, der einen Kumpel im Tiefbauamt und das nötige Geld hat, öffentliches Gelände einfach einzäunen darf, weil es ihm nicht passt, dass Leute über eine Wiese laufen?" Wer - wie Rösler - meint, die Antwort läge auf der Hand, irrt. Das Amt und eine Mehrheit im Stadtrat beantwortete die Frage mit Ja.

Der Häuslebauer vom Cracauer Brellin - eine bis auf den fußläufigen Durchgangsverkehr zum benachbarten Edeka-Markt ausgesprochen ruhige Wohnlage - hat das öffentliche Grün neben seinem Haus mit amtlicher Zustimmung eingezäunt. Dass der Mann Bauunternehmer ist, legt Röslers Vermutung von Kumpanei nahe; indes: Sie bleibt Spekulation, weshalb eine Ratsmehrheit gereizt auf die Unterstellung reagierte. Offiziell heißt das Amt den Zaun gut, weil er für Ordnung sorge, das Amt die "Verkehrssicherungspflicht dieses Trampelpfades" gerne los sei und der Zaunbauer die Pflege der Fläche auf eigene Kosten übernehme. "Skurril", nennt Rösler die Argumentation und befürchtet: "Da kann ja jeder kommen!" Meint: Jeder Häuslebauer mit Ruhebedarf.

Real hat sich der Hausbesitzer auf die beschriebene Weise zu einer umzäunten Zone vor der Haustür verholfen, die sein Grundstück auf doppeltes Maß vergrößert, eben um öffentlichen Raum. Frische Anpflanzungen am Zaun lassen darauf schließen, dass die Natur ihr Übriges tun soll, auch wenn CDU-Ratsfraktionschef Wigbert Schwenke einen anderen Eindruck hat. "Die Wiese ist nicht komplett abgesperrt, sondern vom Edeka aus weiter zu betreten." So, wie der Zaun da steht, stellt er in der öffentlichen Wahrnehmung allerdings alles andere als eine Einladung dazu dar, dass Leute ihre Hunde auf der Wiese ausführen oder Kinder drauf Fußball spielen. Die umzäunte öffentliche Fläche wirkt, wie sie offenbar wirken soll, wie Privatgelände.

Es sei aber übertrieben, die Zaunfrage "zur Grundsatzfrage über Krieg und Frieden im Stadtrat zu erheben", wandte FDP-Fraktionschef Dietmar Hörold ein. Auch Linke-Fraktionsvorsitzender Frank Theile räumte Schwierigkeiten mit der Ratsbefassung zum Thema ein, aber auch: "Das Anliegen ist nachvollziehbar und es lohnt sich, darüber zu sprechen. Es geht nicht, dass Leute willkürlich im öffentlichen Raum Zäune aufbauen."

Die Anmerkung rief das Stadtoberhaupt auf den Plan. Lutz Trümper (SPD) kommentierte den Vorstoß seines Parteikollegen Rösler mit der Feststellung, dass der Zaun nicht willkürlich, sondern mit "Gestattung des Tiefbauamtes" gebaut wurde. "Ob das richtig oder falsch war, ist eine andere Frage", sagte Trümper und merkte an, dass der Zaun "kein Dauerzustand" werden solle. Vor Ort drängt sich allerdings ein Eindruck von Dauerhaftigkeit auf. Rösler: "Der Zaun ist zu hoch und zu lang geraten, um nur dazu zu dienen, einen Trampelpfad abzugrenzen."

Schluss der Debatte, Abstimmung - Punktsieg für den Zaun. 13 Räte (Teile der SPD, Grüne und der Jugendpartei future!) verlangten den Abbau, 17 (CDU, FDP, einige Linke) stellten sich hinter den Zaun und 11 (Linke, SPD) enthielten sich der Stimme. Ergo: Der Zaun hat die Mehrheit und darf sich fortan als politisch gewolltes Bauwerk feiern lassen - vornehmlich von seinem Erbauer.