Magdeburg l "Ich saß bei der Arbeit und dachte: Wie komme ich jetzt in den Alltag zurück?" Lisa Richter hatte gerade zehn aufregende wie auch anstrengende Tage hinter sich.

Juni 2013, Hochwasser, der Pegel steigt, die Flutwelle rollt auf Magdeburg zu. Lisa Richter, Timo Schneider, Christoph Deike, Tim Cassebaum, Christopher Koenecke und Susan Roswandowicz beobachten die Sache aufmerksam. Kann man etwa tun und wenn ja, was? "Wir sind alle Facebook-affin", erzählt Christoph Deike. "Darum kam schnell die Idee auf, das soziale Netzwerk zu nutzen." Kurz wird unter den Freunden darüber diskutiert, dann entschieden: "Ja, wir machen das."

Es wird die Facebook-Seite "Hochwassernews Magdeburg" eingerichtet. "Am Anfang wollten wir nur zeigen, was los ist", sagt Christoph Deike. Die einen sitzen am Rechner und füttern die Seite, die anderen fahren per Fahrrad raus, machen Fotos, sammeln Informationen. Und sie sind schnell, ihre Facebook-Seite ist brandaktuell. Und äußerst erfolgreich. "Wir hatten mit rund 500 Likes gerechnet, nach kurzer Zeit waren es breits 50000", sagt Christoph Deike. Als das Hochwasser wieder vorbei ist, werden es rund 1,6 Millionen Menschen gewesen sein, die die Magdeburger mit ihren Facebook-Hochwassernews erreicht haben. Eine Flutwelle im sozialen Netzwerk. "Viele Leute aus der ganzen Welt haben unsere Seite aufgerufen", so Christoph Deike. Den Grund dafür weiß Christopher Koenecke: "Wir haben vor allem sauber und journalistisch gearbeitet. Keine Gerüchte, alle News, die wir bekamen, haben wir überprüft, alle Texte, die von uns ins Netz gingen, wurden immer gegengelesen." Auch alle Kommentare von außen auf ihrer Facebook-Seite wurden gelesen und dann erst zugelassen oder auch gelöscht. "Wir wollten keine Hetze. Kritik ja, aber keine wüsten Beschimpfungen, etwa gegen den Oberbürgermeister", ergänzt Lisa Richter.

Schnell wird die Facebook-Seite der fünf Magdeburger zu einer Drehscheibe von Informationen rund um das Hochwasser und zu einem Vermittler von Anfragen und Hilfsangeboten. Und zu einer Art Kummerkasten. Lisa Richter nimmt sich via Internet der Sorgen und Nöte der Menschen an. "Ich habe versucht, die Leute, die aufgeregt waren oder verzweifelt, zu beruhigen."

Die Facebook-Seite "Hochwassernews" ist rund um die Uhr besetzt. Gordon Schüler stößt dazu und stellt sein Büro zur Verfügung. "Es haben sich viele Leute gemeldet, die uns unterstützen wollten, etwa mit Essen und Trinken oder Taxifahrer, die kostenlose Fahrten angeboten haben", sagt Christoph Deike. Auch die Familien der Gruppenmitglieder halten ihnen den Rücken frei.

Dann fällt der Hochwasser-Pegel wieder, und genau so schnell lässt auch das Interesse der Internet-Gemeinde an den Hochwassernews nach. Die jetzt sechs Magdeburger Facebook-Macher kommen langsam wieder zur Ruhe und für sie kehrt der Alltag zurück. Im Nachgang werden sie noch Vorträge vor Fachleuten, etwa im Bundesinnenministerium und bei Feuerwehren zum Thema "Die Schlagkraft sozialer Netzwerke im Katastrophenfall" halten - und sich darüber wundern, dass man sich beim Magdeburger Katastrophenschutz überhaupt nicht für ihre Erfahrungen interessiert.

Am Ende bleibt bei allen ein gutes Gefühl zurück: Man habe mit Hilfe von Facebook ein Stück bürgerschaftliches Engagement umgesetzt und "etwas Gutes getan". Und, na klar, man würde es wieder tun.