Magdeburg l Die Nacht zum Montag dieser Woche werden Meik Conradi, seine Partnerin Sylvana Gensich und ihre beiden Kinder Jan Friedrich (1) und Lea Marie (9) so schnell nicht vergessen. Punkt 2 Uhr reißt sie ein ohrenbetäubender Knall aus dem Schlaf. Erst später wird der Familie bewusst: Alle vier sind einer noch größeren Katastrophe nur knapp entgangen. Dass die Familie direkt über der Selbstbedienungszone der Sparkasse wohnt, wird ihr fast zum Verhängnis.

Druckwelle rollt durch alle Zimmer

Am Montagnachmittag rund 14 Stunden nach dem "Knall" ist der Schreck noch immer nicht aus den Gliedern gefwichen. Als die Volksstimme die Sparkassen-Nachbarn trifft, sprudelt es aus Familienvater Meik Conradi nur so heraus. "So um 2 Uhr hat es plötzlich Rums gemacht. Es war wie eine Welle, die durch alle Zimmer schwappt. Ich konnte mir überhaupt nicht erklären, was passiert ist."

Erst als Meik Conradi aus dem Fenster nach hinten auf den Parkplatz schaut und ein Auto ohne Licht und Nummerschild davonrasen sieht, wird ihm klar: Die werden doch nicht die Sparkasse gesprengt haben? Beim Blick nach vorn zur Straßenseite wird seine Vermutung jedoch bestätigt. Der etwa acht Meter breite Fußweg unter ihm ist übersät mit Trümmerteilen. Zerborstene Scheiben, verbogene Metallteile, scharfe Splitter aus Holz und Metall liegen sogar auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es sieht nicht nur aus wie nach einer Bombenexplosion - es war auch eine.

"Ich habe gedacht, das kann doch nicht wahr sein", erinnert sich Meik Conradi an seine ersten Gedanken. Und dann wird ihm wieder klar, welches Glück seiner Familie zur Seite stand. Die enorme Kraft der Druckwelle hatte in dem etwa 3 x 6 Meter großen Schalterraum der Sparkasse nicht viele Ausweichmöglichkeiten. Also übertrug sich der Druck nach oben und die Welle rollte durch die Wohnung der Familie. "Es hat alles gewackelt", erinnert sich Meik Conradi. Dem Zwei-Meter-Hünen schlotterten die Knie. Glück im Unglück: Söhnchen Jan Friedrich, gerade mal ein Jahr alt, schläft normalerweise allein in seinem Kinderzimmer. Das Bett steht exakt drei Meter über dem gesprengten Geldautomaten, nur getrennt durch die Decke des Schalterraums. Doch irgendwie muss der Kleine was geahnt haben. Weil er um 0.30 Uhr wach wird und die Eltern ihren Sprössling zu sich nach hinten ins Bett holen, liegt der Junge zum Zeitpunkt der Zündung nicht direkt über dem explodierenden Geldautomaten. Glück hat auch seine Schwester Lea Marie. Die Neunjährige schläft eine Tür weiter und bleibt unverletzt.

Familie zieht aus der Wohnung aus

Die Familie fühlt sich nach der dramatischen Situation noch in einer anderen Entscheidung bestärkt. Schon vor dem Vorfall hatte der Familienrat beschlossen, in eine andere Wohnung umzuziehen. "Wenn wir den Umzug nicht schon geplant hätten, würden wir uns spätestens jetzt nach einer anderen Wohnung umsehen. Noch einmal möchte ich so etwas nicht mitmachen", ist sich Sylvana Gensich sicher. Ähnlich geht es dem anderen Nachbar zu ebener Erde - dem Salbker "Lesezeichen". Die Bürgerbibliothek und die Sparkasse teilen sich ein Foyer, Rechts geht es in die Sparkasse. Links zu den Regalen mit 63000 Büchern. Der räumliche Verbund bleibt nicht folgenlos. Die Druckwelle fegt auch durch die Bürgerbibliothek.

Fassungslos steht Reiner Mann um 14 Uhr zwischen umgestürzten Bücherregalen und zersplitterter Eingangstür. "Ich bin sprachlos", sagt er im Namen der anderen Mitstreiter vom Bürgerverein Fermersleben, Salbke und Westerhüsen. Das selbst verwaltete "Lesezeichen" hat in seiner 14-jährigen Geschichte schon einiges zwischen Notumzügen und Fast-Schließungen mitgemacht. Eine Explosion mit Druckwelle aber noch nicht. An einen regulären Betrieb ist vorerst nicht zu denken. "Wir können den Schaden noch nicht beziffern und werden wohl frühestens nächste Woche den Notbetrieb wieder herstellen können. Bis dahin müssen auch alle Veranstaltungen abgesagt werden", kündigt Mitstreiter Manfred Eibs schon mal an. 25 bis 30 Bücherfreunde kommen täglich ins "Lesezeichen", bringen oder nehmen ein Buch mit, schwatzen eine Runde und lassen auch mal eine Spende da. Jetzt ist erstmals zwangsgeschlossen.

Statiker untersucht die Schäden am Haus

Das gilt auch für die Sparkasse. Die Räume wurden verwüstet. Frühestens in vier Monaten können wieder Bankdienstleistungen angeboten werden. Ob es dabei bleibt, hängt nicht nur von der Sparkasse ab, sondern auch vom Ergebnis verschiedener Untersuchungen.

Hausverwalterin Agnes Buchheister nahm im Auftrag des privaten Eigentümers am Nachmittag die Schäden zunächst grob unter die Lupe. Ein Statiker soll demnächst verlässliche Informationen über den Zustand der rund 20 Wohnungen liefern. Welche Nachwirkungen die Explosion bei den Nachbarn wie der Familie Conradi/Gensich hinterlassen hat, ist ebenfalls unklar und nicht unbedingt messbar. Im betroffenen Haus wohnen auch Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aus dem Nahen Osten. Und die dürften sich bei der Detonation mitten in der Nacht so ihre eigenen Gedanken gemacht haben.

 

Bilder

Unbekannte sprengen Magdeburger Bankfiliale

Magdeburg (rs) Unbekannte haben in der Nacht zum Montag eine Filiale der Magdeburger Stadtsparkasse in die Luft gesprengt. Ziel war die Selbsbedienungszone der Sparkasse in Salbke. Gegen 2 Uhr hatte es dort eine Explosion gegeben. Zuvor hatten die Täter vermutlich ein Gasgemisch in den Geldautomaten geleitet und gezündet. Dabei wurde der Raum mit den Automaten verwüstet. Die Scheibe zersprang. Gegenstände aus der Bankfiliale flogen bis auf die etwa 30 Meter entfernte gegenüberliegende Straßenseite. Ob die Täter Geld erbeuteten ist unklar. Eine Spur gibt es bisher noch nicht. Experten des Landeskriminalamtes sichern zur Stunde Spuren. Ein Sprecher der Sparkasse konnte zur Schadenshöhe noch keine Angaben machen.

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

  • Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel

    Die zerstörte Sparkassenfiliale in Magdeburg-Salbke. Foto: Rainer Schweingel