Magdeburg l Hoch oben in schwindelerregender Höhe wird Dr. Johannes Bach plötzlich stutzig. Der zertifizierte Bauwerksprüfer zeigt auf eine schwarze Kritzelei fast an der Spitze des 46 Meter hohen Stahlpylons. Den Magdeburger Ingenieur beschleicht ein ungutes Gefühl. Das Gerüst steht bereits seit einigen Tagen. War hier jemand oben, der hier lieber nicht herumkraxeln sollte?

Der Wind pfeift um den roten Pylon, an dem die Wasserfallbrücke an Stahlstäben hängt. Dr. Bach umfasst mit den Händen zwei der Hängerstangen. "Fassen Sie mal an, merken Sie´s, da ist Leben drin", sagt er. Die Stahlstäbe zittern, die Gerüstplattform schwingt leicht hin und her. "Wenn zwei Jogger gleichzeitig über die Brücke laufen, werden Sie es hier oben spüren", warnt er: "Ich hoffe, Sie vertrauen der deutschen Ingenieurskunst ..."

Dunkle Wolken sind aufgezogen. Doch die Sicht ist ganz gut. "Von hier oben sieht man mal wieder, wie grün Magdeburg eigentlich ist", sagt Dr. Bach. Auch der Brocken ist im Dunst zu erkennen. Bach und Kollegen müssen schwindelfrei sein, doch für ihre nicht unriskante Arbeit in Bergsteigerausrüstung werden sie mit tollen Aussichten belohnt. Ein schöner Nebeneffekt.

Bachs Job hier oben: Er scannt mit den Augen jeden Zentimeter des Bauwerks ab, fotografiert, dokumentiert. Immer auf der Suche nach Rissen, Rost und anderen Schäden. Besonderes Augenmerk gilt Verschraubungen und Schweißnähten. Jede klitzekleine Schadstelle kann sich mit der Zeit zum großen Problem auswachsen. Ohne Baugerüst und Spezialausrüstung geht für die Kontrolleure an der Wasserfallbrücke nichts. "Man muss mit Augen und Tastsinn und Erfahrung an die Sache ran. Drohnen sind da noch keine echte Alternative", erklärt Bach. Ob die fliegenden elektronischen Helferlein künftig den Prüfern Arbeit abnehmen können, wird sich zeigen. Bach stellt unterdessen fest: Einige Kunststoffkappen, die Verschraubungen abdecken, sind gesprungen. "Kein Problem", sagt Bach. Die Kappen spielen keine tragende Rolle. Die Stadt muss entscheiden, ob sie nachbessern will, solange das teure Gerüst noch steht.

Johannes Bach kennt die Brücke aus dem Effeff, überprüft sie bereits zum dritten Mal im Auftrag der Stadt Magdeburg. Nach dem Pylon wird Bach in den nächsten Tagen auch den Brückenunterbau mit seinen Betonteilen untersuchen. Statt Kletterseilen wird dann schon mal die Surferausrüstung gewählt, verrät er. Voraussichtlich im August wird Bach seinen neuesten Prüfbericht im Tiefbauamt vorlegen. "Es wird eine Gesamtnote vergeben. Diese wird mit Hilfe einer Software ermittelt, um zu einer objektiveren Einschätzung zu kommen", erklärt der Ingenieur. Doch in den nächsten Tagen werden dafür auch noch Spezialisten einer Leipziger Alpintechnikfirma sich an den Stahlstäben entlang abseilen und den Korrosionsschutz Stück für Stück in Augenschein nehmen. Ein ganz eigenes Schauspiel, das Passanten da am Cracauer Wasserfall beobachten können.

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