Magdeburg l Die Straßenbahnlinie 3 zieht entlang des Bruno-Taut-Rings in Richtung Innenstadt. Die Fahrgäste sind überschaubar. "Früher war das undenkbar. Da musste man in der Bahn um jeden Platz kämpfen, als es zur Arbeit ging", sagt Hermann Köhler. Mit "früher" meint der Mittfünfziger jene Zeit, als das in den 1980er Jahren entstandene Wohngebiet Neu-Olvenstedt in seiner Blüte stand, die modernen Neubauwohnungen begehrt waren und die Einwohnerzahl die 30.000-Marke knackte. Heute leben etwas mehr als 10.000 Bewohner im Stadtteil. "Jetzt ist hier alles irgendwie grau", bemerkt der Olvenstedter beim Blick in die etwa 200 Meter lange Fußgängerzone "Brunnenstieg" und steuert den Laden für Sonderposten kurz nach dessen Eröffnung am Donnerstagmorgen an, der an der Ecke zum Bruno-Taut-Ring mit dem Slogan "täglich billig" wirbt.

Ungünstige Bedingungen

Von Hektik früherer Jahre ist an der kleinen Flaniermeile keine Spur. Sie ist verwaist. Wie die Volksstimme berichtete, kündigt sich mit dem Awo-Kaufhaus "fair.kaufen" ein Abgang in der ohnehin schon überschaubaren Geschäftslandschaft an. Weitere werden folgen. "Seit zwei Jahren ist der Bereich tot. Hier macht alles dicht", so Geschäftsfrau Viktoria Hinkel.

Seit acht Jahren betreibt sie im Einkaufszentrum am Brunnenstieg einen Laden für Geschenkeartikel, Lebensmittel und Spirituosen. Im Schaufenster werden u.a. günstige Preise für Pakete nach Russland angepriesen. Sie habe bereits gekündigt, wird bald ausziehen. Andere Gewerbetreibende werden es ihr gleichtun, sagt Viktoria Hinkel: "Gern möchte ich hierbleiben. Doch dafür sind die Bedingungen einfach ungünstig", verweist sie auf die angrenzenden Wohnblöcke des Bruno-Taut-Rings, die grauen Zeitzeugen des Wohnviertels. Ein Verlierer des Stadtumbaus.

In den Vorbauten im Erdgeschoss seien einst Geschäfte wie ein Postladen und Fotogeschäft integriert gewesen. "Sogar die Polizei und Sparkasse waren dort Mieter", so Hubert Rauch, der seit den 1980er Jahren in Neu-Olvenstedt lebt. Nach und nach seien die Geschäfte nach der Jahrtausendwende ausgezogen. In den vergangenen Jahren hat sich das Geschehen auf den Olvenstedter Scheid verlagert. Supermärkte und eine Filiale der Stadtsparkasse Magdeburg bilden dort das neue Zentrum im Stadtteil.

Kunstaktivisten hegen Hoffnung

Nur wenige Bewohner widerstanden dem Wegzug und sind am Brunnenstieg wohnen geblieben - leere Fenster prägen das Bild des Quartiers. Auch im nahegelegenen Hinterhof, dem Putzerhof. Klingelschilder sind abmontiert, Briefkästen verwüstet, Eingangstüren verbarrikadiert. Gleiches gilt für die Wohnhäuser an der sogenannten Marktbreite, die vom Brunnenstieg zum Marktbereich "Olven I" an der Olvenstedter Chaussee führt. Die Natur breitet sich aus - Gestrüpp wuchert auf Sitzbänken, die schon lange nicht mehr genutzt wurden. Bis zum Jahr 2018 werden die Mehrgeschosser im Bruno-Taut-Ring 89-95, 96-100, 101-103, 104-106, 107-109 und 110-112 zurückgebaut. Der Abriss ist durch die Magdeburger Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) besiegelt.

Hoffnung hegt Künstler Bruno Groth, etwas von der in den Wohnblöcken der Marktbreite integrierten Kunst am Bau retten zu können. "Es ist einigen Aktiven ein Anliegen, die Hauszeichen zu erhalten. An anderer Stelle in der Stadt hat die Zusammenarbeit mit der Wobau geklappt, wie am Katharinenturm. Ich bin optimistisch", so Groth. Er war in den 1980er Jahren an der Gestaltung des im Aufbau befindlichen Stadtteils Neu-Olvenstedt beteiligt.

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