Was hat es mit dem Schriftzug "Zur Tonne" am Eingang der Leiterstraße auf sich? Weil auch Stadtführer den Touristen darauf keine Antwort geben können, machte sich die Volksstimme auf Spurensuche.

Altstadt l "Dort gibt es wohl ein Gewölbe, in das mal ein Restaurant ziehen sollte", erzählt Bernd Rosenburg den Besuchern der Stadt, wenn sie bei einer seiner Führungen vor dem eindrucksvollen Portal des ehemaligen Schloss-Cafés am Eckgebäude Breiter Weg 193 stehenbleiben. "Zur Tonne" und "Zur Schenke" steht rechts und links davon kunstvoll in Metall geschmiedet. Man erwartet eigentlich durch die Tür in ein uriges Lokal einzutreten. Doch Fehlanzeige. Es handelt sich um ein Beispiel für "Potemkinsche Dörfer", also viel Fassade und nichts dahinter.

Die Geschichte beginnt bereits im Mittelalter. Genau an dieser Stelle grenzten damals die Altstadt und die sogenannte Domfreiheit aneinander, die dem Erzbischof unterstellt war. Ein Schlagbaum trennte beide Gebiete. Weil der Brauer des Domstifts keine Steuern zahlen musste, war das Bier in der einzigen Schenke auf der Südseite der Biergrenze deutlich billiger in der Altstadt, was einen regen, bierseligen Grenzverkehr zur Folge hatte. In dieser Zeit entstanden auch die riesigen Kellergewölbe, die seitdem direkt unter dem Eingang der Leiterstraße schlummern.

Zeitsprung in die 1970er Jahre. Das Ende der alten Leiterstraße - seit den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg nur noch ein Schatten ihrer Selbst - war gekommen. In einem aus heutiger Sicht Anflug von Größenwahn entschied der Rat der Stadt, die verbliebenen Gebäude abzureißen und eine moderne, sozialistische Vorzeigestraße aus dem Boden zu stampfen.

Architekt Burkhard Leu legte ein städtebauliches Konzept für den Komplex vor, das wahlweise visionär oder kühn war. In nur wenigen Jahren sollten Hunderte Wohnungen und dutzende Geschäfte und Lokale entstehen. Für jedes einzelne gab es einen detaillierten Eintrag.

So auch zur Bierbar "Zur Tonne". Diese sollte in den Gewölben unterhalb des Breiten Wegs 193 eingerichtet werden. 100 Plätze waren geplant, es sollte "drei Biersorten aus dem Bezirk" sowie "zwei warme und fünf kalte Gerichte" angeboten werden. Selbst die Öffnungszeiten waren vorgegeben: Montag bis Sonnabend von 11 bis 24 Uhr, Sonntag 9 bis 22 Uhr. Doch bis heute blieb die Tür zu.

Das Projekt Leiterstraße wurde zum planerischen Fiasko. Immer wieder mussten die Verantwortlichen ihre Zeitpläne korrigieren. In einer Mitteilung aus dem Jahr 1978 wird der 31. Dezember 1983 als Termin für die Fertigstellung genannt. Arbeiter wurden an andere Baustellen, u.a. in der Forsthausstraße, beordert. Das Baumaterial war knapp. Erst 1989, kurz vor der Wende, wurde der Umbau offiziell abgeschlossen. "Rund", "Milchquelle", "Fruchthof" und "Kugelblitze" waren trotz aller Probleme entstanden.

Die "Tonne" blieb jedoch zu. Noch ein Jahr später wurde dort zwar gearbeitet, wie ein Bericht der "Magdeburger Allgemeinen Zeitung", zeigt. Doch bereits da zeichnete sich ab, dass die Gewölbe-Bar begraben wird. In den 1980er Jahren soll der Innenausbau bereits begonnen worden sein, berichteten Arbeiter damals. Sogar die Küche war schon gefliest. Doch dann ging es nicht weiter. Und in der Nachwendezeit wusste offenbar niemand, was damit weiter geschehen soll.

Magdeburgs damaliger Oberbürgermeister Willi Polte erinnert sich daran und meint, dass es wohl letztlich am mangelnden Interesse gescheitert ist. "Weil sich nie jemand darum bemühte, ist es nie dazu gekommen", erklärt er heute.

Seit 2007 gehört das Gebäude über dem Gewölbe der Giebelmann GmbH. Der Zugang zum Keller wurde mittlerweile überbaut, ein Augenoptik-Geschäft ist dort eingezogen. Über eine neu angelegte Treppe gelangt man dennoch in den Keller. Mitarbeiter Andreas Vogel begleitet den Volksstimme-Reporter hinab. Es ist stockfinster, eine dicke Staubschicht liegt auf dem Boden. Einige Türen lehnen an einer Wand, "Lebensmittel-Lager" steht dort. Aktuelle Pläne für eine Nutzung gibt es jedoch nicht.

"Und wenn wir eines Tages für diesen Bereich unser Bautagebuch abschließen, dann wird man sich im historischen Keller bei einem Gläschen unterhalten und stolz und froh sein, über die gelungene Harmonie von Altem und Neuem", schrieb der bekannte Denkmalpfleger Heinz Gerling 1977. Leider ein Irrtum.

   

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