Magdeburg l Die Magdeburgische Zeitung veröffentlichte ein Bild von jubelnden Menschenmassen, die in den Krieg ziehende Männer verabschiedeten. 100 Jahre ist das her, der Anfang des Ersten Weltkrieges. Später wechseln die Bilder, zeigen händeringende Frauen, die verzweifelt ihren Männern die Einberufungsbescheide bringen. Aus anfänglicher Euphorie wurde die erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Dr. Maren Ballerstedt erinnerte am Mittwochabend im Literaturhaus an diese Zeit. Anlass war die Eröffnung der Ausstellung "Der Krieg brach wirklich aus. Der Erste Weltkrieg im Spiegel der regionalen Literatur". Die Leiterin des Stadtarchivs belegte mit Zitaten die öffentliche Meinung, bis die Tagespresse der Zensur unterlag. Für sich sprach fürderhin die "große Anzahl Todesanzeigen. Seitenweise." Quelle des Zeitgeschehens sind einzig die Literaten. Wie sie das Leben in jener Zeit aus Magdeburger Sicht wiedergaben, steht im Mittelpunkt der Ausstellung.

Briefe, Fotos, Zeichnungen, zahlreiche Originaldokumente werden gezeigt. Zusammengetragen in zwei Vorbereitungsjahren. Insgesamt 40 Bild-Text-Tafeln, Dokumente und Texte von bekannten wie unbekannteren Literaten. Darunter Georg Kaiser, Ludwig Turek, Erich Weinert natürlich, dessen Namen das Haus trägt. Aber auch Martin Beradt, dessen Buch "Der vergessene Soldat" nah, nachvollziehbar und bewegend die Situation der Zeit beschreibt, was Dr. Gisela Zander dem Publikum besonders ans Herz legt. Die langjährige Leiterin des Literaturhauses ist mit Dr. Claudia Behne Kuratorin der Ausstellung.

"Was damals geschah, hat die Sprache verändert", sagt Gisela Zander. Weil keine Worte ausdrücken konnten, was geschehen war. Manche Autoren kamen dadurch auch erst zum Schreiben, weil sie die Erlebnisse, die Traumata nicht anders hätten überwinden können.

Belege dafür präsentiert das Literaturhaus in der Ausstellung. Der Titel "Der Krieg brach wirklich aus ..." ist übernommen von der gleichnamigen Anthologie, herausgegeben von Albrecht Franke, der das Projekt am Eröffnungsabend vorstellte. Der Titel ist ein Zitat aus dem "Heeresbericht" von Edlef Köppen. Franke traf im November 1989 dessen Neffen Klaus-Peter, damals Pfarrer an Magdeburgs Nicolaikirche. Im Gespräch entstand die Idee einer Aufarbeitung von Köppens Werk. Nicht als Nachdruck, nicht als Besprechung - etwas Besonderes sollte es sein. 25 Jahre später entstand eine Spiegelung aus Sicht heutiger Autoren. Gut 30 haben sich beteiligt, darunter André Schinkel, Birgit Herkula, Peter Sodann, Ludwig Schumann - und Sabine Raczkowski. Sie las bei der Eröffnungsveranstaltung Auszüge ihres heimlichen Tagebuches. Geschrieben aus Sicht der Mutter von Köppens Roman-Protagonisten. Sie gibt damit den Frauen, den Müttern der Soldaten eine Stimme. Und sie tut das so bewegend, dass es Gänsehaut erzeugt.

Atmosphärisch umfangen war der Abend mit Musik von Matthias Marggraff am Cello, mit technischer Hilfe sein eigenes Orchester erzeugend. Facettenreich und emotional, mit bewegenden Klangbildern. Passender könnte es zum Thema nicht sein.

Die Ausstellung ist zu sehen bis 21. November im Literaturhaus, Thiemstraße 7. Die Musik von Marggraff gibt es übers Internet (www.prypjatsyndrome.de) oder mit etwas Glück live an der Sternbrücke.

   

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