Volksstimme: Dr. Neumann, Salbkes Ortskern ist als Sanierungsgebiet ausgewiesen. Wie ist der Ist-Zustand?

Im Sanierungsgebiet gibt es bisher vier Sanierungsvereinbarungen mit der Landeshauptstadt. Im Salbker Engpass selbst wurde durch das KiQ-Management ein Haus in Alt Salbke 33 an einen neuen Eigentümer vermittelt, der saniert und bei Maßnahmen zur Sofortsicherung für den historischen Gebäudeteil unterstützt wird. In der Blumenberger Straße 2 haben die Sanierungsmaßnahmen begonnen. Die Sanierung von Alt-Salbke 24 ist durch die Erkrankung des neuen Eigentümers gefährdet. In den Seitenstraßen tut sich viel durch Privatinitiative.

Nicht alles läuft so gut ...

Schade ist nach wie vor, dass kein Zugang vom alten Stadtkern zur Elbe möglich ist. Hier stört ein Chemiebetrieb die weitere positive Entwicklung des dörflichen Kerns. Die Landeshauptstadt hat darauf reagiert und klärt in einem Bebauungsplanverfahren auch die Zukunft des Betriebes.

Warum wird der Südosten im Allgemeinen unterschätzt, welches Potenzial hat er?

Allgemein haben Städte an Flüssen ein hervorragendes Entwicklungspotenzial. Dresden als Residenzstadt hat sich direkt städtebaulich entlang der Elbe entwickelt. Magdeburg hat sich in den vergangenen Jahrhunderten durch die industrielle Entwicklung von der Elbe abgeschottet. Einer der Schwerpunkte des Stadtentwicklungskonzeptes ist daher, insbesondere in den Stadtteilen an der Elbe den Zugang zum Fluss und entsprechende städtebauliche Qualitäten zu entwickeln. Südost ist auch einer der acht Schwerpunkte der städtebaulichen Entwicklung im integrierten Stadtentwicklungskonzept bis 2025. Ich bin überzeugt, dass die Investition in den Südosten langfristig wertstabil ist.

Was spricht dafür?

Die dörfliche Lage, die hervorragende Anbindung an das Stadtzentrum mit Straßenbahn und S-Bahn, der naturnahe Raum von Elbe und die Sohlener Berge werden sich in der Wohnungsnachfrage langfristig durchsetzen. Ähnliches haben wir in Buckau erlebt. Wer dort vor 15 Jahren investierte, hat nur Kopfschütteln geerntet. Heute ist kaum noch eine Immobilie zu einem vernünftigen Preis in diesem aufstrebenden Stadtteil zu erhalten.

Die Eindrücke, die sich entlang der Hauptachse in Richtung Stadtzentrum bzw. Schönebeck bieten, werden von Häusern bestimmt, die den Zusatz "Schrottimmobilie" tragen.

Nach unseren Untersuchungen zu Beginn des KIQ-Projektes waren 38 Prozent der Immobilien an der Straße entweder leerstehend oder nur geringfügig genutzt. Ein Großteil unserer Arbeit widmet sich den verwahrlosten Immobilien, weil sie das Negativimage von Südost begründen.

Oft sind die Besitzverhältnisse unklar. Wie kommt das?

Die traditionelle Eigentümerstruktur von diesen Gebäuden ist zerstört, vielfach befinden sie sich in Händen von dubiosen Immobiliengesellschaften und Spekulanten. Wir bemühen uns, gemeinsam mit der Stadt die Eigentümer anzusprechen und zur Sanierung oder zum Verkauf zu bewegen. Dabei steht die Einheit von Forderungen und Förderung im Mittelpunkt. D. h. das Bauordnungsamt ist in letzter Zeit dazu übergegangen, den baulichen Zustand dieser leerstehenden Immobilien zu untersuchen und von den Eigentümern Maßnahmen einzufordern. Auf der anderen Seite geben wir aber auch gemeinsam Unterstützung für sanierungswillige Eigentümer. Zum Beispiel gibt es Fördermittel für die Hüllensanierung oder auch Beratungs- und Planungshilfen.

Warum stehen viele dieser Häuser leer?

Viele waren früher im Eigentum der Wohnungsbaugesellschaft Magdeburg und mit Restitutionsverfahren belastet. Die Häuser sind schrittweise verfallen, Mieter zogen aus und die Häuser wurden auf Auktionen im Internet an Eigentümer versteigert, die nicht unbedingt die Sanierung des Objektes wollten oder stemmen konnten.

Welche Rolle spielt dabei die Lage der Häuser an der hoch frequentierten Hauptverkehrsstraße?

Das ist meines Erachtens nicht das entscheidende Kriterium, denn es gibt auch viele sanierte Gebäude an anderen Ausfallstraßen in Magdeburg. Die jüngste Sanierung der 21 Wohngebäude in Alt Salbke 120 bis 141 beweist, dass es viele Nachfragen in Fermersleben, Salbke und Westerhüsen nach Wohnungen gibt und dass bei geänderten Grundrissen und grünen Höfen auch an Ausfallstraßen gut gewohnt werden kann.

Schrottimmobilien sind eines der zentralen Themen beim Tag des Eigentums. Welches Rezept verschreiben Sie den Patienten - oder sind sie hoffnungslose Fälle?

Viele der verwahrlosten Immobilien können oder müssen noch gerettet werden. Im Verlauf des KiQ-Projektes hat sich aus den Erkenntnissen über den baulichen Zustand in Südost auch insgesamt in der Stadt eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit Schrottimmobilien verstärkt beschäftigt. Auch bei Bund und Land ist diese Problematik angekommen. Für unsere Stadt ist die Rechnung ganz einfach: Statt einen Not-abriss mit 100- bis 150 000 Euro vorzunehmen, sollte lieber eine Förderung für einen sanierungswilligen Eigentümer, der das Wagnis der Sanierung auf sich nimmt, erfolgen. Aber dazu wollen wir auf dem Tag des Eigentums mit Stadträten und Verwaltung diskutieren. Also: Wir entwickeln ein Rezept, aber alle müssen mittun, um die Patienten zu retten!

An wen richtet sich der Tag des Eigentums?

Der Thementag richtet sich vorrangig an Eigentümer beziehungsweise jene, die es werden wollen. Über die städtebauliche Entwicklung in Südost können sich auch alle Bürger gern und umfassend informieren.

Nach wie vor ist der Markt für Baugrundstücke in der Landeshauptstadt überhitzt, Plätze zum Bau eines Eigenheims sind begehrt. Welche Chancen haben da bestehende Immobilien?

Immobilien und das selbst genutzte Eigenheim stehen bei den derzeit niedrigen Zinsen ganz oben auf der Wunschliste der Magdeburger. Gerade bestehende Immobilien in gewachsenen Strukturen stellen eine gute Anlage dar. Das besondere Ambiente eines historischen Hauses und die großzügigen Raumangebote machen eine solche Immobilie einzigartig. Individualität wird immer mehr nachgefragt, vielleicht gerade weil die menschliche Natur einen emotionalen Haltepunkt in unserer schnelllebigen Zeit sucht.

   

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