Magdeburg l "Wenn ich es noch erlebe. 65 fühlt sich an wie kurz vor tot", lacht "Hirschi" mit dem ihm eigenen schelmenhaften Blick. Wer ihn nicht kennt, könnte dahinter einen unernsten Charakter vermuten. Die anderen wissen es besser.

"Hirschi" wird der Mann seit Jahr und Tag von Freunden und Bekannten genannt. Davon hat er viele. Rainer Hirsch gehört seit den 1980er Jahren zum Inventar der Magdeburger Kunst- und Kulturszene. Seit fast zwei Jahrzehnten ist das Kulturzentrum Feuerwache in Sudenburg sein zweites Zuhause; schon zuvor war es die mittlerweile hier integrierte "Galerie Süd". Hier verdient er sich als "Mädchen für alles" im Minijob ein Zubrot, findet auf wenigen Quadratmetern Raum zum Malen und im Keller Platz für sein reiches Werk.

Im Jahr 2000 führte Rainer Hirsch in der Feuerwache großflächig den Pinsel und malte das halbe Café aus, das seither den Namen "Café Hirsch" trägt.

"Nicht, dass einer denkt, das wäre mein Café, ich trinke da höchstens mal ´n Kaffee", lacht "Hirschi" schon wieder und verweist danach - ganz ernst - aufs womöglich mitlesende Hartz-IV-Amt. Dessen Mitarbeiter könnten anderenfalls auf die fatale Idee kommen, ihm den Satz fürs Überleben zu schmälern.

Der Maler Hirsch wechselt von der Stütze in die Rente und hasst es, von Geld zu reden. "Geld, Geld, es geht nur noch um Geld, selbst bei Leuten, die mal ganz in Ordnung waren."

"Hirschi", der viel mehr Bilder verschenkt als verkauft hat, ist auch ohne Träume, die sich nur mit viel Penunse erfüllen ließen, ein zufriedener Mensch. "Ich bin bescheiden. Ich brauche nicht viel." Mit alten Kartenspielen und alten Taschenmessern kann man ihm eine Freude machen. Die sammelt er. Oder mit Musik von Leonard Cohen. Die liebt er. Eine Reise würde er noch gerne machen. Schon in den frühen 1990ern betitelte er, der Sesshafte, eines seiner Werke von Fernweh geschwängert mit "Out of Germany".

Rainer Hirsch, 1949 in Magdeburg geboren, ist ein unsteter Geist. Jahrzehntelang hält er sich schon seit früher Jugend mit Jobs vom Heizer bis zum Hausmeister über Wasser, bis ihm 1984 der Künstler Peter Adler ein paar Farbtöpfe hinstellt und sinngemäß sagt: Mach, wenn du sonst schon nichts machst! Eine rettende Idee.

"Hirschi" machte nach eigenem Bekenntnis zunächst etwas unwillig ("Damals haben so viele versucht zu malen."), dann aber umso euphorischer und ausdauernder. In der Malerei findet er Lebenssinn. Der produktive Autodidakt Rainer Hirsch bestreitet mit seinen Bildern ziemlich plötzlich reihenweise Ausstellungen in Magdeburg und der weiteren Umgebung. Er findet reichlich Bewunderer.

Den Sinn seiner Werke mag "Hirschi" niemandem erklären. Sie tragen krude Namen wie "Das Piepen in der Stadt", "Rote Beete" oder "Zu Ostern werden die Eier ausgeblasen". "Ich übermale viel, wieder und wieder. Ein Bild ist nie fertig." Ölschicht um Ölschicht auf Hartfaser; kräftiger Strich, kräftige Farben, naiv, zunehmend von erstaunlicher Strahlkraft und Tiefe. Wer Hirsch kennt, erkennt sein Werk auf den ersten Blick. Und mag es oder nicht.

Viele Magdeburger mögen die Hirsch-Malerei, so dass seit Jahren sogar ein Malkurs an der Feuerwache diesen Namen trägt: "Hisch-Malerei". "Einmal kamen welche, die dachten, hier lerne man Hirsche malen", erinnert sich Rainer Hirsch lachend. Mit dem röhrenden Getier hat sein Stil so gar nichts zu tun.

Heute leitet Dagmar Schubert, Galeristin in der Feuerwache und erklärter Hirsch-Fan, die Kurse an. "Wir haben mit den typischen Hirsch-Farben Indisch Gelb, Pariser Blau, Rot, Weiß angefangen auf Hartfaser, wie Rainer Hirsch. Wir blutigen Anfänger malten unsere eigenen Hirsche."

Jetzt hat Dagmar Schubert eine ganze Reihe Originale an die Wände der "Galerie da oben" in der Feuerwache gehängt - eine Retrospektive zum Geburtstag. "Hier könnte ich auch noch mal ran", sagt Hirsch beim Vorab-Rundgang und zückt in Gedanken den Pinsel zur Überarbeitung des nächsten Werkes.

Zur Party am Montag ist jeder Hirsch-Fan oder solche, die es werden wollen, eingeladen. Wer mag, kann nach einer Versteigerung auch einen echten "Hirsch" mit nach Hause nehmen.

"Hirschi" überlegt derweil, wo es Sekt und Wein im Angebot gibt und wie viele Flaschen noch gebraucht werden. Die anstehende Feierlichkeit ist ihm nicht ganz geheuer. "Kann sein, ich gehe malen oder fernsehen, wenn es mir zu viel wird." . Ein paar Worte hat sich Rainer Hirsch - das so wenig gefeierte und doch von vielen herzlich verehrte Unikat - aber doch schon zurechtgelegt für die Festgemeinde.

Und dann? Was kommt nach der 65? "Erst mal muss ich Hartz IV ein Vierteljahr verlängern, weil die Rente erst ab Januar gezahlt wird." Mehr als den aufgestockten Mindestsatz hat einer wie Hirsch aber auch danach nicht zu erwarten.

"Hirschi" geht in Rente. Sonst ändert sich nichts. Der Rentner Rainer Hirsch wird weiter malen und den guten Hausgeist in der Feuerwache geben, solange man ihn lässt.

   

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