Magdeburg l Es ist ein Experiment, das Bürger-Ensemble. Wie es ausgeht, ist offen. Und auch, in welche Richtung das Ganze gehen soll, steht noch nicht fest. Oder besser, es soll überhaupt nicht "feststehen" im Sinne von statisch, abgeschlossen, fest umrissen. Das klingt alles erst einmal etwas kryptisch, aber Manuel Czerny öffnet im Volksstimme-Gespräch den "Vorhang" vor diesem Experiment.

Bei dem Projekt, das am 12. Oktober beginnt, bestimmen die Teilnehmer selbst, was passieren wird. "Die Themen, die umgesetzt werden, sollen aus der Gruppe selbst kommen", sagt Czerny. Dabei gehe es darum, was dem Einzelnen in seinem Leben und der Gruppe wichtig ist. "Wir wollen wissen, was die Menschen in Magdeburg bewegt. Wie sieht ihr Alltag aus, kennen sie ihre Nachbarn, wie beurteilen sie ihre Gegenwart oder ihre Zukunft. Was haben sie für eine Meinung über Magdeburg und über das Theater." Es sollen die "wahren Geschichten" sein, mit denen sich das Bürger-Ensemble mit künstlerischen Mitteln auseinandersetzt, sagt Manuel Czerny.

In diesem Findungsprozess lässt er das Ensemble natürlich nicht allein "im Nebel stochern". Czerny ist studierter Theaterwissenschaftler und hat aus seiner Zeit am Schauspielhaus Graz (Österreich) viel Erfahrung mit Laientheatergruppen. Er wird die Entwicklung des Magdeburger Bürger-Ensembles moderieren, Anregungen geben und vor allem bei der schauspielerischen Umsetzung des gewählten Stoffs helfen. Denn natürlich soll das Ensemble auch spielen und auf einer Bühne stehen.

Die kann sich im Schauspielhaus befinden, aber auch an Orten, wo normalerweise kein Theater gespielt wird. "Wir planen, mit dem Ensemble zu den Zuschauern zu gehen, vielleicht sogar dorthin, wo Theater im Lebensalltag der Menschen überhaupt keine Rolle spielt", sagt Czerny. Und auch das sei kein Dogma für das Bürger-Ensemble. "Wie gesagt, die Mitglieder bestimmen, wo es langgehen soll."

Das klingt alles nach Experimentier-Theater der 1970er Jahre. "Ja, in gewisser Weise schon", sagt Manuel Czerny. Nur mit dem Unterschied, dass keine festgelegte politische Motivation dahinterstecke. Es gehe um Magdeburg und die Menschen dieser Stadt. Die kleinen und großen Geschichten, die immer auch auf der Straße liegen.

Und dabei kommt Manuel Czerny wieder auf die Ensemble-Mitglieder selbst zu sprechen. Es werde für jeden viel Raum geben, um vielleicht auch einmal in die Rolle zu schlüpfen, "die man schon immer mal sein wollte", oder Dinge auszusprechen, die man schon immer mal sagen wollte, aber aus irgendwelchen Gründen nicht konnte.

Also auch Selbstfindung und Selbsterkenntnis durch Schauspiel? "Wenn der Einzelne das möchte, auch das, er muss es aber nicht. Und es kann natürlich auch gut sein, dass sich jemand meldet, mitmacht, dann feststellt, dass die Schauspielerei nicht das Richtige für ihn ist, der aber dann andere Aufgaben im Ensemble übernimmt, die er gut kann und weil er bei dem Projekt dabei sein möchte."

Daraus folgt, dass es für die Teilnahme keine besonderen Voraussetzungen gibt. Jeder könne mitmachen, notwendig sei nur ein wenig Mut, sich so einem Schauspielprojekt anzuschließen, so Manuel Czerny. Und dazu gehört auch Zeit, denn es soll möglichst zweimal wöchentlich geprobt werden, und sicherlich kommen auch einige Wochenenden dazu.

Geplant ist das Magdeburger Bürger-Ensemble für zwei Spielzeiten, also bis zum Sommer 2016. Dann solle eine Bilanz gezogen werden. Angesiedelt ist das Ensemble am Schauspielhaus in der Otto-von-Guericke-Straße. "Dort haben wir die besten Voraussetzungen dafür", freut sich Manuel Czerny. Die ersten Interessenten haben sich bereits bei ihm gemeldet. Am 12. Oktober wird Manuel Czerny ab 15 Uhr im Schauspielhaus das "Lebenstheater" allen Interessierten vorstellen.