Magdeburg l Vor 43 Jahren wurde einer jungen Mutter in Magdeburg ihr halbjähriger Sohn weggenommen, in ein Kinderheim gesteckt und später zur Adoption in eine "gute Familie" - sprich Stasi-Mitarbeiter - in Berlin vermittelt. Die damals 18-Jährige hatte versucht, aus der DDR zu fliehen, wurde erwischt und musste ins Gefängnis. Bis zur Wende lief sie bei den Behörden gegen Mauern, wenn sie nach ihrem Sohn fragte. Erst um die Jahrtausendwende konnten sich Mutter und Sohn erstmals in die Arme schließen. Beide hatten entsprechende Nachforschungsanträge gestellt, die das Rätsel der Zwangsadoption lösten. Dem Sohn war in der DDR erzählt worden, seine Mutter habe ihn ausgesetzt.

Die heute 61-jährige Magdeburgerin, die inzwischen ein gutes Verhältnis zu ihrem Sohn hat, lässt das unglaubliche Schicksal nicht zur Ruhe kommen. Nach dem ersten Nachforschungserfolg möchte sie wissen, wer die Zwangsadoption veranlasst hat und wie Stasi und Behörden zusammengearbeitet haben, um diesen unmenschlichen und ungesetzlichen Akt über die Bühne zu bringen.

Vor wenigen Tagen hat sie sich mit der Bitte um Hilfe an die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) gewandt und traf dort in der Geschäftsstelle im ehemaligen Stasi-Knast am Moritzhof auf Ralph-Peter Klingenberg.

Für den 58-Jährigen ist es der "erste Fall" in seiner neuen Funktion als hauptamtlicher VOS-Mitarbeiter. "Ich werde in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden alles unternehmen, um die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen", sagt Klingenberg, der selbst die Stasi-Folter am Moritzplatz erleben musste. Wegen "staatsfeindlicher Hetze" war er 1976 zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte lediglich auf Flugblättern die Abschaffung des Schießbefehls, freie Wahlen und Pressefreiheit gefordert. Bisher war die VOS-Geschäftsstelle nur ehrenamtlich besetzt. "Die große Zahl von SED-Opfern, die sich immer noch tagtäglich an uns wendet, hat uns zu diesem Schritt veranlasst", so VOS-Landeschef Johannes Rink. Die Geschäftsstelle sei nunmehr dienstags von 9 bis 12 und donnerstags von 13 bis 15 Uhr durch Klingenberg besetzt.

"Darüber hinaus bin ich aber nach entsprechender Absprache jederzeit gesprächsbereit und fahre auch über Land, wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Geschäftsstelle kommen kann", ergänzt Klingenberg.

SED-Opfer, die am Moritzplatz vorstellig werden, kommen meist zu einer Erstberatung. "Noch heute gibt es Menschen, die sich bisher nicht getraut haben, über ihr Schicksal zu sprechen", weiß Rink.

Viele hätten weder einen Antrag auf strafrechtliche noch berufliche Rehabilitierung gestellt. Mitunter seien es auch ehemalige Magdeburger, die heute im Westen leben und arbeiten und noch keine Zeit gehabt hätten, sich um die Anerkennung als SED-Opfer zu kümmern. Ihnen soll in der Geschäftsstelle geholfen werden.