Magdeburg I Er habe Erinnerungen an seine Oma, so Carl Weinberg. Obwohl er sie im Alter von acht Jahren zuletzt gesehen hat, bevor er mit seiner Familie vor den Nazis an die Westküste der USA geflohen ist. Der heute 84-Jährige ist Enkel einer Magdeburgerin, die 1942 von den Nazis deportiert und ermordet wurde: Sara Reisel Weinberg. Carl Weinberg sagt: "Ich habe meinen Kindern alles erzählt, was ich über Rosa, wie sie sich nannte, wusste." Um ihre Geschichte lebendig zu halten. Der Arbeitskreis "Stolpersteine für Magdeburg" hat ihr gestern im Beisein von Familienmitgliedern aus den USA, Israel und Deutschland ein steinernes Denkmal gesetzt.

Gedenksteine am letzten Wohn- oder Arbeitsort

Carl Weinberg erzählt: "Ich habe sie als matriarchalische Frau in Erinnerung. Sie hat in schwierigen Zeiten ein Eier-Großhandelsunternehmen geleitet." Sie habe ihm zwar keine Geschichten erzählt oder Lieder vorgesungen. "Doch sie hat die Familie zusammengehalten. Sie war eine starke Persönlichkeit", sagt Weinberg.

Das letzte Familienmitglied, das Sara Reisel Weinberg gesehen hat, ist ihre Enkelin Suzanne Vromen. Sie sagt: "Mein Vater hat mich aus dem Exil in Belgien zur Mandel-Operation nach Magdeburg geschickt." Das war im Sommer 1939. Drei Jahre später wird Sara Reisel Weinberg "in den Osten" deportiert. Historikern zufolge kann damit Auschwitz oder das Ghetto Lodz gemeint sein. Egal wohin, für Sara Reisel Weinberg stand am Ende der Fahrt der Tod.

An ihrem letzten Wohnort in der Neustädter Straße in Höhe Faßlochsberg erinnert seit gestern ein "Stolperstein" an die ehemalige Mitbürgerin. Ein weiterer ist zum Gedenken an den Bankier Eduard Nussbaum in der Listemannstraße zwischen Weitling- und Gustav-Adolf-Straße verlegt worden. In der Hegelstraße vor dem Ökumenischen Domgymnasium erinnert ein dritter gestern gesetzter "Stolperstein" an Jacques Decour. "Der Franzose war vor dem Zweiten Weltkrieg als Gastlehrer hier", sagt Schulleiter Dietrich Lührs. Der geborene Daniel Decourdemanche schließt sich im Jahr 1940 der Résistance an, einer französischen Widerstandsbewegung gegen die nationalsozialistische Besatzung. 1942 wird Jacques Decour verhaftet und hingerichtet. "Der Stolperstein für ihn bedeutet uns sehr viel", sagt Lührs.

Die Erinnerungsmale setzt der Kölner Künstler Gunter Demnig seit 1997. Die zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquader sind mit Messingplatten bestückt, auf denen Namen, biografische Daten und solche zur Deportation eingraviert sind. In den Boden vor ehemaligen Wohnhäusern und Wirkungsstätten von Opfern des Nationalsozialismus eingelassen, erinnern sie an die Grausamkeit der Zeit. "Trotz dieser gab es Menschen, die den Juden geholfen haben. Und heute solche, die ihrer gedenken. Sie sind unsere Hoffnung", sagt Suzanne Vromen.

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